Familienunternehmen sollten Standortvorteil ‚Land‘ selbstbewusster ausspielen

Interview mit Dr. Peter Bartels

Wirtschaftsforum: Mit f.cube möchten Sie Familienunternehmen ein Werkzeug an die Hand geben, mit dessen Hilfe sich Zukunftsfelder erschließen lassen. Warum haben Sie gerade die Form eines Buches gewählt, es gibt schließlich genug digitale Alternativen?

Dr. Peter Bartels: Eben darum! Es gibt nicht genug, sondern zu viele digitale Alternativen… Analoge Formate bieten heute fast ein Alleinstellungsmerkmal. Wir wollten außerdem ein Medium anbieten, das einen Nachschlagecharakter hat, das man immer wieder einmal zur Hand nimmt und das Beständigkeit vermittelt. Ein Buch hat eine hohe Wertigkeit, allemal, wenn es so aufwändig gestaltet ist wie f.cube. Ein Buch steht außerdem für Langfristigkeit – genau wie Familienunternehmen. Mir gefällt außerdem, dass wir das etablierte Format ‚Buch‘ mit einer innovativen Gestaltungsidee, dem Erfolgswürfel, kombiniert haben. Das ist das Erfolgsrezept für Familienunternehmen: ‚erhalten und erneuern‘ oder anders gesagt: ‚erneuern, um zu erhalten‘. Der Aufbruch in die digitale Welt bedeutet schließlich nicht, sich von Bewährtem abzuwenden; oder, um aus einem Gedicht von Robert Gernhardt zu zitieren: ‚Ums Buch ist mir nicht bange, das Buch hält sich noch lange.‘ 

Dr. Peter Bartels
„Ein Buch steht außerdem für Langfristigkeit – genau wie Familienunternehmen.“ Dr. Peter Bartels

Wirtschaftsforum: In der Einführung schreiben Sie von dem Menschen als ‚unternehmendes Wesen‘. Worin unterscheidet er sich gegenüber einem homo oeconomicus oder homo faber?

Dr. Peter Bartels: Der unternehmende Mensch unterscheidet sich weder vom homo faber, noch vom homo oeconomicus – beides sind vielmehr essentielle Merkmale des unternehmenden Menschen. Sie werden von ihm und in ihm verbunden. Was unternehmende Menschen – Unternehmer eben – ferner auszeichnet, sind vier Fähigkeiten: 1. Verantwortung zu übernehmen, 2. Entscheidungen zu treffen, 3. Risiken einzugehen und 4. Begeisterung für eine Sache zu entwickeln und diesen Funken auf andere überspringen zu lassen. Das sind Merkmale, die eine Unternehmerpersönlichkeit zwingend mitbringen muss. 

Wirtschaftsforum: Die 18 Zukunftsfelder teilen Sie in die Bereiche ‚Technologie‘, ‚Wirtschaft‘ sowie ‚Gesellschaft‘ ein. Welcher davon wird Ihrer Meinung nach besonders intensiv durch Vertreter von Familienunternehmen gelesen werden?

Dr. Peter Bartels: Das sollten Sie mich in einem halben Jahr fragen – wenn hoffentlich viele Kunden und Mandanten von uns das Buch gelesen und mir ihr Feedback gegeben haben. Aus dem Bauch heraus vermute ich, dass es vielleicht die ‚Technologie‘ ist, bei der die meisten Unternehmerinnen und Unternehmer zuerst hineinschmökern. Aus unserer Berufspraxis, aber auch aus verschiedenen Umfragen und Studien, wissen wir, dass Familienunternehmer und -unternehmen hier noch zu zögerlich sind und nach dem Motto ‚Erst einmal abwarten!‘ verfahren. Sie unterschätzen das Tempo und die Veränderungskraft der Digitalisierung. Wer zu lange wartet, ist schnell abgehängt. Und zwar endgültig. 

„Sie [die Familienunternehmer] unterschätzen das Tempo und die Veränderungskraft der Digitalisierung. Wer zu lange wartet, ist schnell abgehängt. Und zwar endgültig.“ Dr. Peter Bartels
Dr. Peter Bartels

Wirtschaftsforum: Sie kommen immer wieder auf die Herausforderung zu sprechen, dass Familienunternehmen als Arbeitgeber attraktiv sein müssen. Eine Perspektive sind sogenannte ‚living villages‘, also Familien-Dörfer. Warum ist das Konzept für Arbeitnehmer attraktiv?

Dr. Peter Bartels: Vorweg: Living Villages sind nicht zwingend Familien-Dörfer – sie beschreiben vielmehr eine ‚progressive Provinz‘, wie es der Mobilitätsforscher Stephan Rammler nennt, einer der Wissenschaftler und Unternehmer, mit denen wir für unser Buch gesprochen haben. Die progressive Provinz steht den Angeboten im städtischen Umfeld kaum noch nach. Das liegt natürlich zu einem großen Teil an der Digitalisierung – Beispiel Telemedizin: Sie ermöglicht den Besuch beim Spezialisten auch dann, wenn er nicht vor Ort ist. Sprich: Man muss im ländlichen Raum auf immer weniger verzichten. Dadurch rücken die Vorteile wieder stärker in den Mittelpunkt – Stichworte sind bezahlbare Mieten, ein geschützteres Umfeld für Kinder, Nähe zur Natur und möglicherweise auch ein intensiveres Zusammengehörigkeitsgefühl. In einer Zeit, in der viele Kontakte anonym stattfinden, in der Beziehungen über soziale Netzwerke statt über persönliche Begegnungen gepflegt werden, gewinnt das an Bedeutung. Familienunternehmen, zu deren DNA das Familiengefühl über die verwandtschaftliche Ebene hinaus gehört, sind häufig auf dem Land angesiedelt. Diesen Standortvorteil sollten sie angesichts des Fachkräftemangels im Bewerbermarkt sehr viel selbstbewusster ausspielen.

Wirtschaftsforum: Familienunternehmen werden durch einzelne Phasen geprägt: Gründung, Aufbau, Internationalisierung… damit waren drei Generationen unternehmerisch ausgelastet. Was ist für Sie die maßgebliche Herausforderung/Leistung von Generation Nummer Vier?

Dr. Peter Bartels: Kurz und bündig: die digitale Transformation zu meistern.

Interview: Markus Büssecker | Fotos: PwC; Murmann/Haufe Publikationen

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