Vom Handwerk zur vernetzten Kreativplattform

Interview mit Alexander Kuhn, General Manager der Brother Sewing Machines Europe GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Kuhn, wie hat sich der Markt in den letzten Jahren entwickelt?

Alexander Kuhn: Insgesamt wachsen wir weiterhin gesund. Das Wachstum ist allerdings differenzierter geworden. Steigende Lebenshaltungskosten führen dazu, dass Konsumenten bei größeren Anschaffungen vorsichtiger sind. Das sehen wir vor allem in einzelnen Produktkategorien. Gleichzeitig hilft uns unsere europäische Aufstellung: Schwächere Entwicklungen in einem Markt werden oft durch stärkere Märkte in anderen Regionen ausgeglichen.

Wirtschaftsforum: Brother ist vielen noch immer eher als Druckerhersteller bekannt. Welche Rolle spielen Nähmaschinen heute im Konzern?

Alexander Kuhn: Historisch ist die Nähmaschine das Ursprungsgeschäft von Brother. Das Unternehmen wurde 1908 gegründet und hat sich bis in die 1950er-Jahre nahezu ausschließlich diesem Bereich gewidmet. In Europa ist die Marke stark über Printing & Solutions bekannt geworden, in Japan hingegen klar mit Nähmaschinen verbunden. Unsere Aufgabe ist es, diese Herkunft auch hier stärker zu kommunizieren und emotional aufzuladen.

Wirtschaftsforum: Wie sind Sie organisatorisch aufgestellt?

Alexander Kuhn: In Bad Vilbel befindet sich das europäische Headquarter für Haushalts- und Hobbynähmaschinen. Von hier aus steuern wir große Teile des Geschäfts in der DACH-Region, Frankreich, Benelux, Italien sowie Distributorenmärkte in Europa. Insgesamt arbeiten rund 35 Mitarbeiter am Standort Bad Vilbel, europaweit ergänzt durch lokale Teams und Partner. Die gesamte Logistik für Kontinentaleuropa wird zentral gesteuert, mit einem eigenen Lager in Deutschland und einer separaten Lösung für Großbritannien. Weltweit beschäftigt Brother etwa 41.000 Menschen.

Wirtschaftsforum: Das Produktspektrum reicht von günstigen Einsteigermodellen bis zu High-End-Maschinen. Verschiebt sich die Nachfrage?

Alexander Kuhn: Wir sehen aktuell eine klare Verschiebung. Während hochpreisige Maschinen weiterhin ihre Käufer finden, wächst aktuell vor allem das niedrige und mittlere Preissegment. Nähen wird wieder stärker als Alltagskompetenz gesehen – Vorhänge kürzen, Kleidung reparieren. Sticken hingegen ist stärker als kreatives Hobby positioniert und reagiert sensibler auf wirtschaftliche Rahmenbedingungen.

Wirtschaftsforum: Gleichzeitig investieren Sie stark in Digitalisierung und Software. Welche Rolle spielt die Plattform Artspira?

Alexander Kuhn: Artspira ist für uns ein strategischer Meilenstein. Die App verbindet Maschinen, Designs und Inhalte zu einem Ökosystem. Nutzer können Stickmuster, Anleitungen und Projekte abrufen, eigene Designs erstellen und diese direkt an die Maschine senden. Wir bieten eine kostenlose Version und ein Abo-Modell an. Damit stehen wir erstmals in direktem digitalen Kontakt mit dem Endkunden – ohne den Fachhandel zu ersetzen.

Wirtschaftsforum: Wie reagieren Ihre Handelspartner auf diese Entwicklung?

Alexander Kuhn: Der Fachhandel bleibt unser wichtigster Partner, insbesondere bei beratungsintensiven, hochpreisigen Maschinen. Hochwertige Maschinen lassen sich nur mit Know-how verkaufen. Unsere Strategie ist klar B2B. Artspira soll ergänzen, nicht konkurrieren. Gerade komplexe Produkte lassen sich nur mit Fachwissen erfolgreich verkaufen – das kann eine App nicht ersetzen.

Wirtschaftsforum: Sie sprechen häufig von Community. Wie wichtig ist dieser Aspekt heute?

Alexander Kuhn: Community ist heute ein entscheidender Wachstumstreiber. Social Media, Influencer und Markenbotschafter prägen Kaufentscheidungen. Nutzer tauschen sich aus, helfen sich gegenseitig und inspirieren sich. Unsere Aufgabe ist es, dafür die passenden Plattformen, Inhalte und Technologien bereitzustellen – zunehmend auch mit KI‑gestützten Funktionen in unseren Top‑Modellen.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielen neue Produktkategorien wie Sublimationsdrucker oder Plotter?

Alexander Kuhn: Sie erweitern das kreative Spektrum. Mit dem Sublimationsdrucker lassen sich Motive auf Textilien oder Tassen übertragen, Plotter ermöglichen präzises Schneiden verschiedenster Materialien. Das passt hervorragend zu unserem Ansatz, Kreativität ganzheitlich zu denken und Synergien im Konzern zu nutzen.

Wirtschaftsforum: Blicken wir nach vorn: Wohin entwickelt sich der Markt?

Alexander Kuhn: Der Creative‑ Craft‑Markt wächst weiter – aber nicht gleichmäßig. Regionen, Produktkategorien und Preissegmente entwickeln sich unterschiedlich. Unser Ziel für die kommenden Jahre ist kein schnelles, sondern ein nachhaltiges Wachstum. Innovation, starke Produkte und engagierte Mitarbeiter sind dabei entscheidend. Am Ende machen die Menschen den Unterschied – intern wie extern.

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