Wenn Qualität Leben rettet

Interview mit Hans-Werner Holdermann, Geschäftsführer der Deutsche Blistergesellschaft mbH

Wirtschaftsforum: Herr Holdermann, Ihr Unternehmen blickt auf eine lange Familientradition zurück. Wie kam es zur Spezialisierung auf die Verblisterung?

Hans-Werner Holdermann: Das ist das Ergebnis von 150 Jahren Apothekergeschichte der Familie Holdermann. Wir sind seit vier Generationen eine Apotheker-Familie und waren insbesondere in den letzten drei Generationen sehr stark im vollversorgenden Pharmagroßhandel tätig. Die Idee war eigentlich ganz einfach: So wie der Stahlhändler auf die Baustelle zugeschnittene Stahlträger liefert, sollte auch der Pharmagroßhändler genau portionierte Tabletten in die Apotheke schicken. Das war gedacht als Veredlungsabteilung des Pharmagroßhandels. Da sich aber die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den Pharmagroßhandel über die letzten 50 Jahre verschlechtert haben, hat sich die Familie entschieden, nur noch den Teil der Verblisterung zu behalten und alle anderen Unternehmensanteile zu verkaufen.

Wirtschaftsforum: Wie ist die Deutsche Blistergesellschaft heute aufgestellt?

Hans-Werner Holdermann: Wir haben 70 Mitarbeiter und machen aktuell 8 bis 9 Millionen EUR Umsatz. Der große Vorteil der Verblisterung ist, dass wir als nationaler Anbieter über Nacht jede Apotheke in Deutschland anfahren können, teils mit eigenen Kurierdiensten, teils über Kooperationspartner im Pharmagroßhandel. Von Baden-Baden aus können wir problemlos Bremen, Dresden, München und Berlin bedienen. 

Wirtschaftsforum: Die Coronapandemie hat viele Branchen hart getroffen. Wie haben Sie diese Phase erlebt?

Hans-Werner Holdermann: Die Einbruchstendenz war brutal. Wir haben innerhalb von wenigen Monaten zwischen 20 und 30% unserer zu beliefernden Patienten verloren, weil die Impfungen zu spät gestartet sind. Ganze Heime sind da entvölkert worden innerhalb von wenigen Wochen. Die fehlende Impfpflicht war das Todesurteil für viele alte Menschen.

Wirtschaftsforum: Was unterscheidet Ihr Unternehmen von anderen Anbietern?

Hans-Werner Holdermann: Wir waren das erste Unternehmen in Deutschland, das vor 18 Jahren die optische Erkennung der Blister­inhalte eingeführt hat. Wir haben Reklamationsquoten von eins zu mehreren Millionen verpackter Tabletten. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) hat die Zahl bestätigt, dass das manuelle Stellen von Arzneimitteln eine 3%ige Fehlerquote beinhaltet. Wenn Sie das auf 250.000 Tabletten rechnen, die bei einem durchschnittlichen Heim von 70 bis 80 Bewohnern im Jahr verabreicht werden, da kann sich jeder ausrechnen, was 3% Fehlerquote bedeuten im Vergleich zu einer Fehlerquote im Nanobereich. Als einziges Blisterzentrum weltweit garantieren wir die Übereinstimmung von Medikationsplan und Blisterinhalt auch datentechnisch. Darauf haben wir ein Patent.

Wirtschaftsforum: Trotz dieser technischen Exzellenz kämpfen Sie mit regulatorischen Herausforderungen. Woran liegt das?

Hans-Werner Holdermann: Auf der einen Seite haben wir Hightech vom Feinsten und versorgen die Patienten auf absolut höchstem Niveau. Mehr geht gar nicht, weil kein Land auf der Welt außer Deutschland unter GMP-Bedingungen verblistert. Das machen nur wir in Deutschland. Auf der anderen Seite sind wir von der politischen und organisatorischen Seite her auf Drittwelt-Niveau. Deutschland ist vermutlich eines der ganz wenigen Länder, wo die Fremdverblisterung wirklich unter GMP-Bedingungen läuft. In anderen Ländern ist das rechtlich gesehen eine ausgegliederte Apothekenabteilung. Die Rabattverträge haben das Verblistern extrem verteuert und verkompliziert.

Bei der Einführung des E-Rezepts haben sich DAV und SpiBu darauf geeinigt, dass immer die Chargennummer zu jedem Rezept mitgeteilt werden muss, obwohl es keinerlei Rechtsgrundlage hierfür gibt. Das bedeutet für uns, dass wir praktisch jederzeit vor dem Nichts stehen, solange es keine explizite rechtskonforme Lösung gibt. Die Apotheke kennt bei der Abrechnung die Chargennummer bei verblistert abgegebenen Tabletten ja gar nicht.

Sie bekommt sie erst mit, wenn der Blister kommt. Diese getrennten logistischen Vorgänge werden vertragsrechtlich in Deutschland nicht zur Kenntnis genommen. Die ganze Rechtssystematik des Verblisterns beruht auf einer wackeligen Konstruktion. 

Wirtschaftsforum: Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern?

Hans-Werner Holdermann: Abgesehen von der Lösung des obengenannten Problems brauchen wir keine Anpassung der Arzneimittelpreisverordnung. Das ist gar nicht notwendig, weil unsere Dienstleistung permanent nachgefragt wird. Wir haben Personalmangel in den Heimen, das Verblistern wird durch die Heimaufsicht angeraten bei festgestellten Mängeln. Es müsste geklärt werden, dass die Heime das eingesparte Personal auch im Pflegesatz berücksichtigen können. Es geht nicht um Mehrkosten, sondern darum, dass Rationalisierungsergebnisse auch wirklich in Euro erwirtschaftet werden können. Das Ministerium bestreitet die Vorteile nicht, stellt sie aber auch nicht klar.

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