Schnell reagieren können

Interview mit Steven Herpichböhm, CTO der Gramß GmbH Kunststoffverarbeitung

Wirtschaftsforum: Herr Herpichböhm, Gramß ist stark gewachsen. Was treibt Sie persönlich an?

Steven Herpichböhm: Ich bin ein Tüftler und Bastler. Mich reizt das Entwicklungspotenzial. Ich komme aus einem größeren Unternehmen und sehe deshalb ständig Dinge, die wir optimieren können. Ich arbeite gern in kleinen Regelkreisen: etwas ausprobieren, testen und direkt verbessern, statt ewig zu planen.

Wirtschaftsforum: Wie begann die Geschichte von Gramß?

Steven Herpichböhm: Mein Schwiegervater Peter Gramß hat das Unternehmen 1989 in Tettau gegründet. 2004 ging es nach Spechtsbrunn bei Sonneberg. Dort wurde mehrfach erweitert. 2018 kam ein zweiter Standort in Tettau hinzu. 2024 haben wir ein weiteres Unternehmen übernommen, inklusive Maschinen, Mitarbeitern und Produkten. Dessen Produktion haben wir später in unseren neuen Standort integriert.

Wirtschaftsforum: Was produziert Gramß?

Steven Herpichböhm: Wir fertigen Kunststoffverschlüsse im Spritzgussverfahren, unter anderem für Getränkeflaschen, Kosmetikprodukte und Nahrungsergänzungsmittel. Dazu kommen Anwendungen im medizinischen Bereich und im Labor. Die Variantenvielfalt ist enorm: Wir haben rund 3.000 Werkzeuge und etwa 5.500 verschiedene Artikel.

Wirtschaftsforum: Wie individuell können diese Verschlüsse sein?

Steven Herpichböhm: Bei Standardprodukten können Kunden Farbe und Ausführung auswählen. Bei Speziallösungen entwickeln wir gemeinsam einen individuellen Verschluss. Seit der Übernahme haben wir auch einen eigenen Werkzeugbau. Wir können entwickeln, Werkzeuge teilweise selbst fertigen und anschließend die Serienproduktion übernehmen. Damit decken wir viele Schritte aus einer Hand ab.

Wirtschaftsforum: Was macht Gramß für Kunden attraktiv?

Steven Herpichböhm: Wir sind eine kleine, schlagkräftige Truppe, können schnell reagieren und umplanen. Gleichzeitig haben wir eine Fertigungsgröße erreicht, mit der wir sehr unterschiedliche Anforderungen bedienen können. Manche Kunden benötigen nur einen Artikel, andere holen komplette Lkw-Ladungen mit verschiedenen Produkten ab. Diese Flexibilität ist eine unserer großen Stärken.

Wirtschaftsforum: Wie wichtig sind internationale Märkte?

Steven Herpichböhm: Rund 60% unseres Geschäfts entfallen auf Deutschland, etwa 40% auf das Ausland. Neue Kunden gewinnen wir meistens über direkte Kontakte, Beziehungen und Kooperationen, etwa mit Flaschenherstellern. Auch durch die Übernahme haben wir neue Kunden gewonnen.

Wirtschaftsforum: Sie beschäftigen inzwischen rund 250 Mitarbeiter. Was bedeutet das für die Organisation?

Steven Herpichböhm: Sehr viel. Vor etwa zehn Jahren waren wir noch bei weniger als 100 Mitarbeitern. Früher konnte mein Schwiegervater vieles persönlich und direkt steuern. Mit dieser Größe funktioniert das nicht mehr. Deshalb professionalisieren wir Strukturen und Prozesse und schaffen klarere Verantwortlichkeiten. Die offene, familiäre Kultur wollen wir trotzdem behalten.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt die Digitalisierung?

Steven Herpichböhm: Eine sehr große. Ich bin auch für die IT verantwortlich. Bei 150 Maschinen, 3.000 Werkzeugen und 5.500 Artikeln kann man sich nicht mehr allein auf Erfahrung und Bauchgefühl verlassen. Mindestbestände, Bestellmengen und Materialflüsse müssen zunehmend computergestützt abgebildet werden.

Wirtschaftsforum: Und wie stehen Sie zur künstlichen Intelligenz?

Steven Herpichböhm: Wir nutzen die üblichen KI-Anwendungen. Bei Maschinenlösungen, die angeblich alles automatisch entscheiden oder sich selbst kalibrieren, bin ich aber noch skeptisch. Ich möchte verstehen, was im Hintergrund passiert, bevor ich einer solchen Lösung vertraue.

Wirtschaftsforum: Was tut Gramß für mehr Nachhaltigkeit?

Steven Herpichböhm: Unser Neubau wurde für Photovoltaik vorbereitet. Wir installieren derzeit eine Anlage mit rund 850 kW Leistung. Wegen unseres hohen Strombedarfs können wir einen großen Teil direkt selbst nutzen. Außerdem verarbeiten wir bereits recycelte Kunststoffe. Das ist allerdings anspruchsvoller und kann höhere Kosten verursachen.

Wirtschaftsforum: Wo soll die Reise von Gramß hingehen?

Steven Herpichböhm: Wir wollen weiter wachsen und unsere Auslastung steigern. Dafür haben wir Flächen, Maschinen und Infrastruktur geschaffen. Gleichzeitig müssen wir Abläufe optimieren und neue Mitarbeiter gewinnen. Unser Ziel ist klar: Wir wollen weiter wachsen, flexibel bleiben und für unsere Kunden der erste Ansprechpartner sein, wenn es um Kunststoffverschlüsse geht.

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