Fördertechnik als globales Rückgrat der Industrie

Interview mit Matthias Gößler, Geschäftsführer der Rulmeca Germany GmbH

Die Rulmeca Germany GmbH gehört zur italienischen Rulmeca-Gruppe mit Sitz in Almè bei Bergamo, die 1962 gegründet wurde und heute weltweit mit Produktionsstandorten in Italien, Deutschland, Südafrika, Polen, England, China, Thailand, Kanada, den USA sowie globalen Vertriebseinheiten bis nach Australien vertreten ist. Der Standort Aschersleben ist der einzige in Deutschland und innerhalb der Gruppe besonders, da hier die komplette Wertschöpfung eines Förderbandes abgebildet wird – von Tragrollen über Umlenktrommeln bis zu Trommelmotoren – während andere Werke meist spezialisiert sind. Rund 250 Mitarbeitende, davon etwa 230 fest angestellt, erwirtschaften rund 52 Millionen EUR Umsatz. Jährlich produziert das Unternehmen bis zu 350.000 Tragrollen und rund 18.000 Trommelmotoren, übernimmt die weltweite Ersatzteilversorgung und unterstützt international bei komplexen Servicefällen

Historie, Märkte und technologische Kompetenz

Die Wurzeln reichen bis ins Jahr 1850 zurück, als der Standort als Weißgießerei gegründet wurde und sich über die DDR-Zeit mit technischen Komponenten und starken Absatzmärkten im russischen Raum weiterentwickelte, bevor er 1991 aus der Treuhand heraus zuerst an einen heutigen Marktbegleiter verkauft und seit 2003 Teil der Rulmeca Gruppe wurde, die primär im Bereich Schüttgut, aber seit 2013 auch wieder im Bereich Stückgut aktiv ist. Heute unterscheidet das Unternehmen klar zwischen Stückgut – etwa in hoch automatisierten Logistikzentren und bei globalen E-Commerce-Akteuren wie Amazon – und Schüttgut, beispielsweise in Minen, Tagebauen, Kieswerken oder auf Förderanlagen in der Schifffahrt. Technologisch liegt die Stärke in der hohen Wertschöpfungstiefe: Aus einfachen Rohren entstehen intern komplexe Trommelmotoren. Diese geschlossenen, innenliegenden Antriebssysteme eignen sich besonders für staubige und anspruchsvolle Umgebungen, arbeiten nahezu wartungsfrei und benötigen nur in großen Intervallen einen Ölwechsel. Laufzeiten von mehreren Jahrzehnten sind keine Seltenheit. „Unsere Trommelmotoren laufen oft länger als das Förderband selbst“, betont Matthias Gößler. Das Spektrum reicht von 80 bis 1.000 mm Durchmesser. Kleinere Varianten kommen vor allem im Stückgutbereich zum Einsatz, größere im Schüttgut. Als Weltmarktführer in diesem Segment und Nummer zwei im Stückgut positioniert sich das Unternehmen klar im internationalen Wettbewerb. Dabei grenzt es sich bewusst über Qualität, Langlebigkeit und Reparaturfähigkeit von preisgetriebenen, häufig weniger nachhaltigen Kopien aus asiatischen Märkten ab.

Vertrieb, Digitalisierung und nachhaltige Verantwortung

Die Märkte sind international geprägt. Die DACH-Region bildet den Heimatmarkt. Darüber hi­naus ist das Unternehmen unter anderem in den Niederlanden, auf dem Balkan – etwa in Serbien und Kroatien – sowie in Kasachstan aktiv. Rund 70% des Geschäfts sind exportgetrieben. Der Vertrieb erfolgt über sieben Außendienstmitarbeiter, getrennt nach Stück- und Schüttgut, ergänzt durch eine eigenständige Serviceorganisation mit weltweiten Einsätzen. Sichtbarkeit entsteht vor allem über Messen wie LogiMAT, Solids oder SteinExpo, während Social Media zentral über die italienische Holding gesteuert wird. In der Digitalisierung verfolgt das Unternehmen einen bewusst differenzierten Ansatz. „Wir sind noch nicht bei Industrie 4.0 angekommen und wollen auch nicht alles blind digitalisieren“, sagt Matthias Gößler. Auslöser für diese Haltung war unter anderem ein Hackerangriff, bei dem analoge Prozesse die Produktion aufrechterhalten konnten. Digitale Systeme werden daher gezielt weiter ausgebaut, jedoch nicht zur alleinigen Grundlage gemacht. Gleichzeitig gewinnen Nachhaltigkeit und Compliance zunehmend an Bedeutung. Treiber sind vor allem ESG-Vorgaben und das EU-Reporting. Das Unternehmen arbeitet mit streng geprüften Lieferanten – insbesondere in Asien – und achtet konsequent auf Arbeits- und Umweltstandards. Zudem ist die geschlossene Kreislaufwirtschaft der Metallspäne selbstverständlich.

Führung, Wandel und Zukunftsperspektiven

Im Zentrum steht der Mensch. „Wenn ich der Intelligenteste im Raum bin, bin ich im falschen Raum“, beschreibt Geschäftsführer Matthias Gößler seinen Führungsansatz. Dieser ist geprägt von persönlicher Reflexion – etwa durch bewusste Auszeiten – und dem klaren Ziel, Verantwortung ins Team zu geben. Das zeigt sich im Alltag: Mitarbeitende werden bei Belastungen entlastet, gleichzeitig bleibt das Unternehmen als stabile Struktur handlungsfähig. „Wie eine Kette, die auch dann hält, wenn einzelne Glieder einmal schwächer sind“, so Matthias Gößler. Gleichzeitig stellt sich Rulmeca Germany den Herausforderungen eines sich wandelnden Arbeitsmarktes, in dem unterschiedliche Generationen mit verschiedenen Erwartungen aufeinandertreffen und ein ambidextrer Führungsansatz erforderlich ist, der Erfahrung und neue Denkweisen verbindet, während klassische Trainings durch echtes Mentoring ergänzt werden. Der zunehmende Fachkräftemangel und die begrenzte Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte verstärken den Bedarf an Automatisierung und Robotik. Diese werden gezielt zur Entlastung und Gesund­erhaltung der Mitarbeitenden eingesetzt. Das langfristige Ziel bleibt klar: ein Unternehmen zu schaffen, das auch zukünftigen Generationen stabile Perspektiven bietet und kontinuierliche Weiterentwicklung ermöglicht, um Stabilität und Wachstum zu sichern.

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