„Man kann alles nur erlaufen, nichts errennen!“

Interview mit Jörg Thuss, Geschäftsführer der terraconsult Vermögens­treuhand GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Thuss, Sie engagieren sich bereits seit vielen Jahrzehnten in der Immobilienvermittlung und -verwaltung im In- und Ausland. Wie blicken Sie auf die früheren Jahre zurück? 

Jörg Thuss: Lange Zeit waren Eigentumswohnungen und entsprechende Fonds mit beträchtlichen Steuervorteilen im Vertrieb. Zuerst haben wir uns damit nur im Hinblick auf die eigene Vermögensverwaltung beschäftigt, bevor wir in diesem Kontext auch für Dritte aufgetreten sind. Die Projekte wurden dann immer größer und komplexer, etwa mit der Vermarktung eines großen Verwaltungsgebäudes für Messerschmitt-Bölkow-Blohm im Raum München mit einem Volumen von 30 Millionen DM: Damit ist es uns erstmals gelungen, ein Bürogebäude nach Wohnungseigentumsgesetz aufzuteilen, obwohl noch gar keine Wände vorhanden waren – das Konzept wurde ein Riesenerfolg. 

Wirtschaftsforum: Sie sind dann immer stärker als Bauträger in Erscheinung getreten. 

Jörg Thuss: Wir haben damals viel mit der Bayerischen Raiffeisenzentrale zusammengearbeitet, für deren Kunden das Bauherrenmodell nicht zuletzt wegen der entsprechenden Steuervorteile interessant war. In diesem Zuge konnten wir große, lukrative Projekte in München, Augsburg, Nürnberg sowie in anderen attraktiven Lagen im süddeutschen Raum wie in Bad Tölz und am Chiemsee umsetzen. In den frühen 1980er-Jahren wollte ich mir dann meinen Traum eines eigenen kleinen Hochhauses in New York erfüllen, aber trotz der damals schwierigen wirtschaftlichen Lage in den USA bin ich dabei doch an meine finanziellen Grenzen gestoßen, wie ich schnell feststellen musste. Mein damaliger Anwalt machte mich dann auf ein interessantes Wohnungsbauprojekt in Bedford Hills etwas außerhalb von New York City mit mehreren Dutzend Wohneinheiten aufmerksam, dessen Bauträger in Konkurs geraten war. Die Bank bot mir einen Deal an: Wenn ich innerhalb von vier Monaten den Kaufpreis aufbrächte, würde sie mit mir zusammenarbeiten. Andernfalls wären meine eingesetzten 200.000 USD weg. Und was soll ich sagen, wir haben es gemacht und geschafft! 

Wirtschaftsforum: Ein toller Einstieg ins internationale Geschäft. 

Jörg Thuss: Es folgten dann Immobilienprojekte in Spanien, Italien und an der Cote d’Azur in Frankreich, die wir in Deutschland vermarktet und dabei unter anderem mit den drei größten Partnern auf dem französischen Immobilienmarkt zusammengearbeitet haben. Gleichzeitig haben wir unsere Präsenz im deutschen Gewerbegeschäft immer weiter ausgebaut – etwa mit einem Boarding-Haus mit 120 Wohneinheiten in Nürnberg und mit einem Hotel in Augsburg, dessen Betreiber wir heute sind. Mit unserer Tochtergesellschaft, der Seniorenresidenz am Kurpark, haben wir zudem erfolgreich Seniorenimmobilien für die gehobene Zielgruppe errichtet, nach Wohneigentumsgesetz an Kapitalanleger verkauft und dann direkt von ihnen zurückgemietet, sodass wir uns dort heute um das gesamte Management der entsprechenden Objekte kümmern. 

Wirtschaftsforum: Bei Ihrem jüngsten Projekt verbinden Sie Ihre Erfahrung im Immobiliengeschäft gleich mit Ihrer zweiten großen Leidenschaft – den Oldtimern. 

Jörg Thuss: Zunächst hatte ich für meine gesammelten Autos eine Halle angemietet, die immer stärkeren Zuwachs bekam. Mein Vermieter hat das Objekt dann irgendwann für eigene Zwecke benötigt. Ich musste mir also schnell adäquaten Ersatz beschaffen – und fand einfach keinen. Irgendwann sagte ich mir: „Schluss damit – dann bauen wir eben selbst!“ So entstand mitten in Nürnberg unser Auto-Tresor, der für seltene und wertvolle Fahrzeuge gebaut wurde – und in den oberen Stockwerken befinden sich unsere neuen Büroräume, die wir zurzeit beziehen. Bisher gibt es in Deutschland kein vergleichbares Objekt: Interessenten können sich dort einen hochwertigen Stellplatz mieten oder kaufen; vor Ort herrscht keinerlei Publikumsverkehr und somit höchste Diskretion bei einem hohen Sicherheitskonzept. 

Wirtschaftsforum: Sind die Zeiten in Ihren Geschäftsfeldern heute einfacher oder schwieriger als damals? 

Jörg Thuss: Früher war es einfacher – man hatte mehr Zeit und konnte sich intensiver mit den relevanten Fragestellungen auseinandersetzen. Heute muss jede Entscheidung mit hoher Geschwindigkeit getroffen werden. Hinzu kommt ein viel größerer bürokratischer Aufwand. Bei einem unserer letzten Projekte dauerte die Erteilung der Baugenehmigung zwei Jahre – ich kann mich an keinen Vorgang von früher erinnern, der sich ähnlich lange hingezogen hat. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass die Menschen trotz eines in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegenen Lebensstandards heute viel unzufriedener sind als früher und noch dazu eine viel stärkere Erwartungshaltung dem Staat gegenüber besteht. Wer das Wort Eigenverantwortung auch nur in den Mund nimmt, wird schon schief angeschaut. Ich halte das für eine Fehlentwicklung. Gleichzeitig trete ich dafür ein, das Gemeinwohl gezielt dort zu fördern, wo die wichtigsten Effekte erzielt werden: etwa in der Bildung. Viele unserer Schulen sind in einem katastrophalen Zustand. Das muss sich ändern!

Wirtschaftsforum: Welchen Rat würden Sie jungen Unternehmern heute geben? 

Jörg Thuss: Denselben, den mir ein väterlicher Freund vor 45 Jahren gegeben hat: Du kannst alles nur erlaufen und nichts errennen! Genauso denke ich auch an die Worte meines Vaters, ein ehemaliger Fluglehrer und Trainer mit sehr hohem Verantwortungsbewusstsein: Wenn man seine Geschäfte klug und mit Leidenschaft und Einsatz betreibt, kommt das Geld von ganz alleine hinterher! Er hat Recht behalten.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema Immobilien

Bauen mit Handschlagqualität

Interview mit Jürgen Fien, Geschäftsführer der Fien GmbH Bauunternehmen

Bauen mit Handschlagqualität

Vom kleinen Auftrag für private Bauherren bis zum Rohbauprojekt in Millionenhöhe: Die Fien GmbH Bauunternehmen aus Wehr verbindet die Flexibilität eines mittelständischen Familienbetriebs mit der Leistungsfähigkeit größerer Bauunternehmen. Regionale Nähe,…

Bauen mit Sicherheit und Nähe

Interview mit Kathleen Pfennigsdorf, Geschäftsführerin der AKOMA GmbH

Bauen mit Sicherheit und Nähe

Ein eigenes Haus bleibt für viele Menschen ein Lebenstraum. Doch steigende Baukosten, hohe Zinsen und komplexe Vorgaben erschweren den Weg ins Eigenheim. Die AKOMA GmbH aus Remchingen begleitet private Bauherren…

Großprojekte mit Substanz

Interview mit Özgür Gezer, Geschäftsführender Gesellschafter der Gezer Unternehmensgruppe

Großprojekte mit Substanz

Vom ersten Sanierungsprojekt bis zur breit aufgestellten Unternehmensgruppe: Die Gezer Vermögensverwaltung GmbH vereint Hochbau, Projektentwicklung, schlüsselfertiges Bauen und Immobilienvermittlung unter einem Dach. Der geschäftsführende Gesellschafter Özgür Gezer spricht über seinen…

Spannendes aus der Region Nürnberg

„Unser Anspruch war schon immer Qualität“

Interview mit Alex Schrut und Werner Klier, Geschäftsführer der Hofmann Haustechnik GmbH

„Unser Anspruch war schon immer Qualität“

Die Energiewende bleibt ein Thema, das viele Hausbesitzer verunsichert. Politische Kurswechsel, neue Förderprogramme und steigende Kosten machen Investitionsentscheidungen nicht einfacher. Gerade deshalb sind Unternehmen gefragt, die Orientierung geben und langfristig…

Europas größer Fotoverbund – und noch viel mehr

Interview mit Thilo Röhrig, Geschäftsführer der Ringfoto GmbH & Co. KG

Europas größer Fotoverbund – und noch viel mehr

Seit über 60 Jahren bündelt Ringfoto die Schlagkraft von über 1.200 Fotofachhändlern in Deutschland und 26 weiteren europäischen Märkten und geht in seinem Selbstverständnis wie in seinem Leistungsspektrum weit über…

„Standard ist nicht unbedingt besser!“

Interview mit Morris Wilisch, geschäftsführender Gesellschafter der masetec GmbH

„Standard ist nicht unbedingt besser!“

Mit masetec versorgt Morris Wilisch seit vielen Jahren Unternehmen aus verschiedensten Industriezweigen mit Sensorsystemen und den dazugehörigen Magneten. Warum eine Standardlösung dabei nicht immer kosteneffizienter ist, wie er auch im…

Das könnte Sie auch interessieren

Technologische Souveränität für die Versicherungswelt

Interview mit Thomas Ludwig, COO der Novum-RGI Germany GmbH

Technologische Souveränität für die Versicherungswelt

Versicherer stehen unter massivem Transformationsdruck: Steigende IT-Kosten, regulatorische Anforderungen und der Anspruch auf schnelle digitale Prozesse verlangen stabile Kernsysteme. Die Novum-RGI Germany GmbH entwickelt spezialisierte Softwarelösungen für den deutschsprachigen Versicherungsmarkt…

„Wir wollen unternehmerische Handlungsfähigkeit sichern!“

Interview mit Alina Nauen, Geschäftsführerin der torq.partners Finance GmbH

„Wir wollen unternehmerische Handlungsfähigkeit sichern!“

Sowohl Start-ups als auch mittelständische Unternehmen benötigen bei der Erschließung neuer Kapitalquellen, etwa durch Venture Capital-Investoren, oftmals Unterstützung bei der Professionalisierung ihrer Finance-Strukturen: An dieser Stelle kann torq.partners auf jahrelange…

Auf der Seite des Kunden

Interview mit Carmen Philippi, Geschäftsführung, Vorstand der Versteegen Assekuranz – Versicherungsmakler AG

Auf der Seite des Kunden

Versicherungen gelten als komplex, unpersönlich und oft schwer verständlich. Gerade Unternehmen benötigen jedoch Lösungen, die exakt zu ihren Risiken passen und im Schadenfall zuverlässig greifen. Die Versteegen Assekuranz – Versicherungsmakler…

TOP