Baustelle 4.0: GPS statt Schnur und Bandmaß

Interview mit Michael Finette, Geschäftsführer Baubetrieb Finette GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Finette, Sie haben die Baubetrieb Finette GmbH 2013 selbst gegründet. Wie war der Start und wie hat sich das Unternehmen seitdem entwickelt?

Michael Finette: Das Unternehmen begann mit zwei Mitarbeitern, ursprünglich mit dem Ziel, Einfamilienhäuser zu errichten. Durch bestehende Kontakte aus meiner früheren Tätigkeit als Meister auf verschiedenen Baustellen entwickelten wir uns jedoch rasch weiter und orientierten uns in den Industriebau. Rückblickend war das die richtige Entscheidung, denn der Wohnungsbau ist inzwischen stark rückläufig. Heute beschäftigen wir 16 gewerbliche Mitarbeiter in Festanstellung sowie drei Bürokräfte. Darüber hinaus arbeiten wir regelmäßig mit 40 bis 50 Subunternehmern zusammen, die unsere Kapazitäten ergänzen.

Wirtschaftsforum: Was ist heute das Kerngeschäft von Baubetrieb Finette?

Michael Finette: Unser Fachgebiet ist der Betonbau in seiner ganzen Bandbreite – von Wänden mit einer Höhe von 40 m bis hin zu Fundamenten mit einem Volumen von 40 m3. Zu Beginn hatten wir uns breiter aufgestellt, mit Wohnungsbau, Abdichtungsarbeiten und allgemeinen Betonarbeiten. Mittlerweile konzentrieren wir uns klar auf den Industriebau. Im privaten Bereich sind wir weiterhin tätig, allerdings bei anspruchsvolleren Projekten, etwa wenn Sichtbeton, geschalte Decken oder besondere Betonbauteile gefragt sind. Den klassischen Einfamilienhausbau haben wir bewusst nicht mehr im Portfolio.

Wirtschaftsforum: Wie treten Sie am Markt auf und wie gewinnen Sie neue Kunden?

Michael Finette: Unser Neukundengeschäft entsteht nahezu ausschließlich durch Empfehlungen und langjährige Geschäftsbeziehungen. Im Gewerbebau verfügen wir über einen breiten Stammkundenkreis, sodass wir über nahezu alle relevanten Ausschreibungen in unserem Segment informiert werden. Auch im privaten Betonbau genießen wir einen guten Ruf. Architekten wissen, dass wir anspruchsvolle Projekte fachgerecht und zuverlässig umsetzen. Klassische Werbemaßnahmen spielen für uns daher nur eine untergeordnete Rolle. 

Wirtschaftsforum: Sie sind bundesweit aktiv. Wie ist das organisatorisch zu stemmen?

Michael Finette: Wir haben derzeit Baustellen von Hamburg, Bremen und Büren bis nach München – eine bundesweite Präsenz, die sich mit der richtigen Struktur gut organisieren lässt. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet die Digitalisierung – sowohl auf der Baustelle als auch im Büro. Wir arbeiten inzwischen mit GPS-gestützter Vermessungstechnik und benötigen auf der Baustelle keinen klassischen Bauplan mehr. Das System zeigt die erforderliche Position zentimetergenau an. Was früher mit Schnüren und Bandmaß aufwendig abgesteckt werden musste, lässt sich heute präzise und deutlich effizienter umsetzen. Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels ist dieser technologische Fortschritt für uns unverzichtbar.

Wirtschaftsforum: Stichwort Digitalisierung: Was hat sich in Ihrem Bürobetrieb verändert?

Michael Finette: Sehr viel. Sämtliche Unterlagen werden digital erfasst und direkt für die Revision vorstrukturiert. Auf einer größeren Baustelle kommen Revisionsunterlagen von mehreren tausend Seiten zusammen – Lieferscheine, Datenblätter, Gefährdungsanalysen, Sicherheitsvorschriften. All das landet heute unmittelbar im richtigen digitalen Ordner. Wenn der Auftraggeber die Unterlagen abrufen möchte, übermitteln wir sie per Link. Das papiergebundene Verfahren, das früher üblich war, ist damit überholt. Hinzu kommt, dass seit der Pandemie Videokonferenzen zum Standard geworden sind, ein echter Zeitgewinn, der sich im Tagesgeschäft deutlich bemerkbar macht.

Wirtschaftsforum: Sie erwähnten bereits das Thema Fachkräftemangel. Wie erleben Sie das konkret?
 

Michael Finette: Er ist seit der Gründung 2013 das beherrschende Thema. Deutsche Fachkräfte im Bauhandwerk sind kaum noch zu finden; unsere Belegschaft setzt sich überwiegend aus Mitarbeitern aus dem ehemaligen Jugoslawien und dem Kosovo zusammen. Gleichzeitig fragen sich viele in unserer Branche, wie die nächste Generation für Handwerksberufe gewonnen werden soll. Die Lebenswelt junger Menschen hat sich verändert; wer digital aufwächst, orientiert sich beruflich häufig in Richtung digitaler Tätigkeiten. Das spüren wir unmittelbar, auch bei der Suche nach Auszubildenden. Ich gehe davon aus, dass sich diese Situation eher noch verschärfen wird.

Wirtschaftsforum: Wie ist Ihr Unternehmen mit den Krisen der vergangenen Jahre umgegangen?

Michael Finette: Die Pandemie war für uns operativ weniger belastend als erwartet – der Betrieb lief weitgehend normal weiter. Deutlich schwieriger gestaltete sich die Phase danach. Der Anstieg der Baustoffpreise infolge des Ukrainekrieges war erheblich; wir hatten den Vorteil, dass unsere Aufträge bereits erteilt und unsere Nachunternehmer vertraglich gebunden waren. Gegenwärtig herrscht Planungsunsicherheit. Einige Auftraggeber verlagern Neubauprojekte in angrenzende Länder wie Polen oder Tschechien, wo Personalkosten und Genehmigungsverfahren günstiger sind.
 

Wirtschaftsforum: Was wünschen Sie sich für die Zukunft – für Ihr Unternehmen und generell für die Branche?

Michael Finette: Ich würde mir wünschen, dass das Handwerk als Berufsfeld wieder mehr Anerkennung gewinnt und mehr Menschen dafür zu begeistern sind – es ist ein anspruchsvoller Berufszweig, der gesellschaftlich unverzichtbar ist. Darüber hinaus hoffe ich auf eine Vereinfachung der Verwaltungsanforderungen; die Nachweispflichten haben sich seit 2013 erheblich ausgeweitet. Als Unternehmen werden wir digitale Prozesse ausbauen und in moderne Technik investieren, um personelle Engpässe zu kompensieren.

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