„Von der Kanzel das Volk mitnehmen“

Interview mit Christoph Müller, Geschäftsführer der DGH-Group

Wirtschaftsforum: Herr Müller, Ihre Gruppe ist seit 1921 auf Gießereiprodukte spezialisiert. Stand dabei immer das Auto im Fokus?

Christoph Müller: Nein, anfangs waren wir breiter aufgestellt und wollen das in Zukunft auch wieder sein, um die Abhängigkeit zu reduzieren. Aktuell produzieren wir vor allem im Bereich Power-train. Eine unserer Stärken liegt in der Herstellung von Getriebegehäusen, auch von sehr großen und aufwendigen. Ein Getriebegehäuse für Lkw wiegt 40 kg, das dafür erforderliche Werkzeug 35 t. Unser Portfolio reicht von Zylinderkopfhauben für Motoren über Ölwannen bis hin zu hochkomplexen Bauteilen wie Motoren- und Aggregatenträgern sowie Magnesium-Teilen für BMW-Motorräder. Wir betreiben einen sehr großen Maschinenpark mit mehr als 30 Einzelzellen, Robotern und Tauchbecken und Maschinen mit einer Schließkraft von 800 t bis zu 3.500 t. Mit ihnen können wir große und kleine Teile fertigen. Neben dem Guss haben wir auch viel Know-how in der mechanischen Bearbeitung, also dem Drehen und Fräsen. Die Werkzeuge entwickeln und bauen wir selbst.

Wirtschaftsforum: Ihre Gruppe hat erst vor Kurzem ein Unternehmen in Friedrichshafen übernommen. Welche Vorteile bringt der neue Standort?

Christoph Müller: Unser Ziel ist, auch außerhalb der Automobilindustrie und Powertrain weiter zu wachsen. Das erfordert eine Kunden- und Produktdiversifizierung. Das Unternehmen in Friedrichshafen ist auf die Sandgussproduktion spezialisiert und unter anderem in der Lage, individuelle Lösungen für die Elektromobilität anzubieten. In diesen Bereich wollen wir hinein, mit komplementären und ergänzenden Produkten.

Wirtschaftsforum: Sehen Sie die Elektromobilität als Lösung für unsere Umweltprobleme?

Christoph Müller: Auf dem bisherigen Stand der Entwicklung sicher nicht. Die Batterie in der jetzigen Form ist ein sehr schädliches Produkt für die Umwelt, sie ist eine Anhäufung von Schadstoffen. Kobalt, Lithium, Cadmium, das sind sehr schädliche Stoffe, die darüber hinaus aus bettelarmen Ländern wie etwa Niger kommen. Strom wird immer noch aus Atomkraft, Stein- und Braunkohle gewonnen. Die Fahrzeuge selbst sind zwar frei von Emissionen, diese wurden aber schon vorher in die Luft geblasen. Die Leute werden eigentlich für dumm verkauft – es wird der Anschein erweckt, dass alles ‘aus sauberer Luft’ gemacht ist. Generell fehlt der Politik meiner Meinung nach der Weitblick, was zunehmend dem Stand der deutschen Unternehmen schadet. und auch die Nähe zur Jugend, die die Folgen ausbaden muss. Wenn es nur noch batteriebetriebene Autos gäbe, würden die deutschen Autobauer 80% ihrer Anteile verlieren. Alles, was uns groß gemacht hat, schmeißt man weg.

Wirtschaftsforum: Sind Sie selbst ein ‘Kind der Automobilindustrie’?

Christoph Müller: Nein, das nicht, ich war zwölf Jahre bei der Bundeswehr in der Fliegerei, zuletzt als technischer Offizier für Hubschrauber. In dieser Branche bin ich seit 1997 tätig, als Werksleiter, Kaufmännischer Leiter, Vertriebsleiter und Geschäftsführer mehrerer Unternehmen. Seit zwei Jahren bin ich bei der DGH-Group Mitglied der Geschäftsführung. Ich würde mich als Generalisten bezeichnen. Mich reizt es, etwas so zusammenzusetzen, dass etwas Besseres dabei herauskommt. Ich gestalte gern, liebe die Herausforderung, hasse es aber, zu schnell ins Risiko zu gehen. Doch wenn man ausgetretene Pfade verlässt, kann das nicht immer gutgehen. Man darf nur nicht verzweifeln, wenn es schiefgeht. Generell mag ich den Wettkampf, das Bestreben besser zu sein als andere. Man darf nie sagen ‘Mittelmaß reicht mir’.

Wirtschaftsforum: Welche Eigenschaften können Sie in Ihrer Position gewinnbringend einsetzen?

Christoph Müller: Ich bin Perfektionist. Mit Verschwendung habe ich ein Problem. Deshalb habe ich meinen Blick darauf geschult, zu erkennen, was dem Unternehmen Kosten spart. So habe ich zuletzt eine Firma aus der Insolvenz in die Stabilität geführt. Wesentlich ist die enge Kommunikation mit den Mitarbeitern, besonders in einem Veränderungsprozess, Neben der strategischen Entwicklung ist es auch meine Aufgabe, den Veränderungsprozess zu managen und die Leute hinter mich zu bringen. Der Mensch ist bequem und hängt an der Historie. Wenn es nicht gelingt, die Mitarbeiter mitzunehmen, sie für die Ideen zu gewinnen, gibt es keine Veränderung. Die Unternehmenskultur spielt dabei eine große Rolle. Als ostdeutsches Unternehmen arbeitet man hier traditionell hierarchisch, von oben nach unten. Das ist aber ein träger Prozess, wenn man Neuerungen einführen will. Wichtige Ideen müssen aus der Mannschaft kommen, jeder muss sein Know-how einbringen. Zudem erzeugen Veränderungen Ängste, die man spüren und denen man kommunikativ begegnen muss. Es ist daher wichtig, von der Kanzel aus das Volk mitzunehmen. Ich muss die Mitarbeiter überzeugen, dass die Veränderungen keine Bedrohung sind, sondern neue Chancen bieten. Dies in den Köpfen zu verankern, das kann kein Organigramm.

Wirtschaftsforum: Was soll oder muss sich in der Zukunft verändern?

Christoph Müller: Wir brauchen eine strategische Zäsur – weg von dem, was 100 Jahre lang gemacht wurde. Denn die Automobilbranche verändert sich kolossal. Wir werden immer eine Gießerei bleiben, aber breiter aufgestellt sein, im Automobilbereich, aber auch außerhalb, und kleine wie große Serien fertigen. Unsere Vision ist die weltweite Führung in der Gießtechnik und -technologie. Daneben wollen wir unser Know-how im Werkzeugbau ausbauen. Ich sehe uns als globales Konstrukt. In Asien und Nordamerika werden wir durch Joint Ventures oder Ankäufe präsent sein. Das Ziel ist, gesund zu wachsen, nicht destruktiv. Digitalisierung und Produktion 4.0 werden wichtige Themen sein, die noch mehr in die Ausbildung integriert werden müssen. Junge Leute für die Gießerei zu begeistern und sie zu fördern, liegt mir sehr am Herzen. Viele Jungingenieure haben sich bereits erfolgreich eingebracht. Jugend und Wissenschaft müssen die Praxis ergänzen.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

Schnell reagieren können

Interview mit Steven Herpichböhm, CTO der Gramß GmbH Kunststoffverarbeitung

Schnell reagieren können

Wie wird aus einem kleinen Familienbetrieb ein hochmoderner Kunststoffspezialist mit 150 Maschinen? Steven ­Herpichböhm, CTO der Gramß GmbH in Spechtsbrunn bei Sonneberg, kennt die Antwort. Im Interview spricht er über…

Software für den Praxisalltag

Interview mit Fabian Gundlach, Geschäftsführer der ergosoft GmbH

Software für den Praxisalltag

Aus einer Abrechnungssoftware für Psychotherapeuten ist bei ergosoft über drei Jahrzehnte eine umfassende Lösung für den Praxisalltag entstanden. Geschäftsführer Fabian Gundlach setzt auf Spezialisierung, engen Kundenkontakt und neue Technologien wie…

„Die ESA sagte uns, was wir machen, sei unmöglich!“

Interview mit Tom Segert, Mitgründer und CEO der Berlin Space Technologies GmbH

„Die ESA sagte uns, was wir machen, sei unmöglich!“

Kaum ein Unternehmen dürfte derart komplex zu gründen und zu skalieren sein wie ein Satellitenhersteller: Tom Segert und seine Partner haben es dennoch getan – mit beachtlichen Erfolgen, die sich…

Spannendes aus der Region Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge

Technologieführer mit Profil

Interview mit Ronald Wuttke, Kaufmännischer Leiter der Kirchhoff & Lehr GmbH

Technologieführer mit Profil

Direkt nach der Wende investierte die westdeutsche Tillmann-Gruppe in die Zukunft der ostdeutschen Kirchhoff & Lehr GmbH, um in den neuen Bundesländern ein führendes Unternehmen in der Rollformtechnik zu etablieren.…

Grün gedacht, smart gemacht

Interview mit Dr. Gerhard Aust, Geschäftsführer und CSO der PRETTL Electronics GmbH

Grün gedacht, smart gemacht

Die PRETTL Electronics GmbH mit Hauptsitz in Radeberg steht seit 25 Jahren für komplexe Elektronikfertigung in anspruchsvollen Nischenmärkten wie Medizintechnik, Luftfahrt, Leistungselektronik oder Agrartechnologie. Mit Wirtschaftsforum sprach Geschäftsführer Dr. Gerhard…

„Wir denken nicht im Quartal, sondern in Generationen“

Interview mit Thomas Fischer, Geschäftsführer der MBI Deutschland GmbH

„Wir denken nicht im Quartal, sondern in Generationen“

Wer Thomas Fischer zuhört, spürt schnell: Hier spricht keiner in Marketingfloskeln. Es geht um Technik, um robuste Lösungen – und um Vertrauen. Um Präsenz im richtigen Moment. Und darum, wie…

Das könnte Sie auch interessieren

Revolutionäre Spitzentechnologie made in Germany

Interview mit Uwe Ahrens, Geschäftsführer der Altech Advanced Materials AG

Revolutionäre Spitzentechnologie made in Germany

Salz – im Altertum war das weiße Gold ein kostbares Gut, das Reichtum und Macht brachte. Heute könnte Salz bei der Energiewende eine entscheidende Rolle spielen. Jedenfalls wenn man an…

„Unsere Stärke ist die Vielfalt“

Interview mit Alessio Nicoletti, Geschäftsführer der Torneria Nicoletti S.r.l. und Luigi Nicoletti, CEO und Sales Manager der Torneria Nicoletti S.r.l.

„Unsere Stärke ist die Vielfalt“

Seit Jahrzehnten ist die metallverarbeitende Industrie im Wandel – technologische Fortschritte, neue Anforderungen in puncto Nachhaltigkeit und ein sich ständig veränderndes geopolitisches Umfeld fordern Unternehmen heraus. Doch es gibt Familienbetriebe,…

Stahlhart nachhaltig!

Interview mit Teresa Cosulich, Leiterin Marketing der Trasteel SA

Stahlhart nachhaltig!

Stahl ist eines der gefragtesten Produkte weltweit. Der Markt ist nicht nur hart umkämpft, sondern auch volatil. Die Trasteel SA mit Sitz in Lugano hat sich in diesem Markt längst…

TOP