Intelligente Lagertechnik für eine neue Produktionsrealität

Interview mit Thomas Lehner, Geschäftsführer der Fehr Lagerlogistik AG

Wirtschaftsforum: Herr Lehner, wie hat sich das Unternehmen entwickelt – und welche Rolle nehmen Sie dabei ein?

Thomas Lehner: Unsere Wurzeln reichen bis 1949 zurück, in der heutigen Struktur besteht das Unternehmen seit 2001. Wir sind ein Familienunternehmen in der 2. Generation. Ich bin seit 2012 im Unternehmen, habe nahezu alle Bereiche durchlaufen und war zunächst drei Jahre als Co-CEO tätig. Seit eineinhalb Jahren bin ich alleiniger Geschäftsführer und trage gemeinsam mit der Geschäftsleitung die Verantwortung für Technik/Entwicklung, Vertrieb, Finanzen, Service/Support und die mechanische Fertigung.

Wirtschaftsforum: Wie ist die Unternehmensgruppe heute aufgestellt?

Thomas Lehner: Unter dem Dach der Fehr Group AG beschäftigen wir weltweit rund 260 Mitarbeitende. Etwa 80 davon arbeiten am Hauptsitz in Winterthur, wo Engineering und Entwicklung angesiedelt sind. In Deutschland sind es 60 Mitarbeitende. In Italien – seit 2024 gemeinsam mit der Schwesterfirma Matter an zwei Standorten – sind es rund 90. In den USA beschäftigt die Gruppe etwa 20 Mitarbeitende, ergänzt durch kleinere Einheiten in Frankreich und Polen. Der Jahresumsatz liegt bei rund 120 Millionen EUR.

Wirtschaftsforum: Was ist Ihr Kerngeschäft?

Thomas Lehner: Schlüsselfertige Lager- und Handling-Systeme für schwere, sperrige Industriegüter – besonders im nicht genormten Bereich. Unser Fokus liegt auf Flachgut wie Blechen, Türen oder Fenstern sowie auf Langgut wie Stahl-, Holz- oder Aluminiumprofilen. Die Lagerung und Handhabung dieser Güter sind technisch anspruchsvoll und schwierig zu automatisieren – genau dort liegt unsere Spezialisierung.

Wirtschaftsforum: Für welche Branchen arbeiten Sie?

Thomas Lehner: Für Produktions- und Handelsunternehmen in der Metall-, Holz- und Kunststoff­industrie. Einen besonderen Fokus legen wir auf Stahlwerke und Stahl-Service-Center, sowie auf Fensterbauer, Profilhersteller und Extrusionswerke.

Wirtschaftsforum: Wie positionieren Sie sich im Markt?

Thomas Lehner: Wir verstehen uns als spezialisierten Anbieter von komplexen Materialflusslösungen für Flach- und Langgut. Unser Fokus liegt bewusst auf nicht standardisierten Anwendungen, bei denen technische Tiefe, Systemintegration und Projekterfahrung entscheidend sind. Statt einzelner Komponenten liefern wir ganzheitliche Systeme und begleiten unsere Kunden über den gesamten Lebenszyklus ihrer Anlage hinweg. Damit positionieren wir uns nicht als reinen Produktanbieter, sondern als langfristigen Systempartner für anspruchsvolle Industrieanwendungen.

Wirtschaftsforum: Was unterscheidet Sie vom Wettbewerb?

Thomas Lehner: Als traditionsreiches Schweizer Familienunternehmen pflegen wir langfristige, vertrauensvolle Partnerschaften und investieren stark in Entwicklung, Service und kontinuierliche Betreuung über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Unser Anspruch ist es, Lösungen zu realisieren, die neue Maßstäbe setzen und dauerhaft überzeugen. Die Unterschiede zeigen sich oftmals erst über viele Jahre – in Lang­lebigkeit, Stabilität und einem berechenbaren Return on Investment.

Wirtschaftsforum: Welche Perspektiven eröffnen Automatisierung und KI?

Thomas Lehner: Automatisierte, robotergestützte Systeme übernehmen in Produktion und Logistik zunehmend manuelle, körperlich anspruchsvolle Aufgaben und unterstützen so bei der Bewältigung des Fachkräftemangels. Gleichzeitig sorgen sie für mehr Prozesssicherheit, steigern den Durchsatz und reduzieren Fehlerquellen. Auf diese Weise lassen sich Materialflüsse effizienter steuern und Lieferketten stabiler gestalten. Für uns ist dabei entscheidend, genau zu prüfen, wo künstliche Intelligenz tatsächlich einen Nutzen bringt. Im Langgutbereich beispielsweise, wo die technische Umsetzung besonders anspruchsvoll ist, verbinden wir Robotik mit KI-gestützten Kamerasystemen und integrieren diese Lösungen direkt in Anlagen wie Sägen oder Lasersysteme. So lassen sich Prozesse automatisieren, die bislang ausschließlich manuell durchgeführt wurden. So werden Unternehmen operativ spürbar entlastet. Für Unternehmen bedeuten die Digitalisierung und Automatisierung jedoch immer auch Veränderung. Investitionen sind langfristig, bestehende Strukturen müssen eingebunden und Prozesse angepasst werden. Deshalb setzen wir auf Lösungen, die sich schrittweise erweitern und kontrolliert in bestehende Abläufe einbinden lassen.

Wirtschaftsforum: Wie haben sich Krisen und globale Entwicklungen auf Ihr Unternehmen ausgewirkt?

Thomas Lehner: Lagerhaltung galt lange Zeit als notwendiges Übel. Bestände sollten möglichst gering gehalten werden, um Liquidität zu schonen und Kapitalbindung zu vermeiden. Dieses Paradigma hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Die Pandemie wirkte in unserer Branche wie ein Beschleuniger. Unterbrochene Lieferketten haben vielen Unternehmen vor Augen geführt, wie anfällig global optimierte Strukturen sein können. Resilienz bedeutet heute für unsere Kunden, Produktionsausfälle durch eigene Lagerkapazitäten abzufedern. Um ihre Produktion abzusichern und Endkunden zuverlässig bedienen zu können, setzen viele deshalb verstärkt auf dezentrale Lagerlösungen. Für uns bedeutet das eine strukturelle Verschiebung der Nachfrage. Der Trend zu höherer Lagerautonomie führt dazu, dass Unternehmen gezielt in moderne Lagersysteme investieren. Dank unserer internationalen Aufstellung – unter anderem mit neuen Standorten in Frankreich, Italien und Polen – sind wir in der Lage, flexibel auf diese Entwicklungen zu reagieren und unsere Kunden in unterschiedlichen Märkten gezielt zu begleiten.

Wirtschaftsforum: Wie beeinflussen Nachhaltigkeit und politische Entwicklungen Ihre internationale Strategie?

Thomas Lehner: Nachhaltigkeit ist Teil unserer Strategie, besonders mit Blick auf regionale Wertschöpfung. Wir möchten möglichst nah bei unseren Kunden produzieren und Lieferketten so gestalten, dass sie effizient und gut planbar bleiben. Gleichzeitig erleben wir, dass sich verändernde Zoll- und Handelsbedingungen diese Ziele teilweise erschweren. Politik und Unternehmensstrategie versuchen wir aber möglichst zu trennen. Auf kurzfristige politische Schwankungen können und wollen wir nicht reagieren; unsere Ausrichtung ist langfristig.Natürlich beobachten wir die globalen Entwicklungen aufmerksam. Europa und die USA bleiben für uns nach wie vor wichtige Kernmärkte. Ein wirtschaftlich starkes und verlässliches Europa mit stabilen Rahmenbedingungen wäre aber wünschenswert, da es die Basis für nachhaltiges Wachstum für uns und unsere Kunden stärkt. Gleichzeitig prüfen wir gezielt neue Märkte. In Asien sehen wir Potenzial, unter anderem in Indien und China.

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