Tiefe statt Breite: Spezialisierung als strategische Antwort im Tiefbau

Interview mit Steffen Runge, Geschäftsführer der Gottlieb Tesch Kanal- und Rohrleitungsbau GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Runge, 150 Jahre Bestehen sind im Bauwesen alles andere als selbstverständlich. Welche Bedeutung hat dieses Jubiläum für Sie persönlich? 

Steffen Runge: Dieses Jubiläum erfüllt mich mit großem Respekt vor den vorangegangenen Generationen, die es geschafft haben, das Unternehmen durch Kriege, Krisen, politische Umbrüche und Konjunkturzyklen zu führen. Sich dieser Geschichte bewusst zu sein, relativiert vieles im Tagesgeschäft und schärft den Blick für die Verantwortung, die heute damit verbunden ist. Es geht nicht um Nostalgie, sondern um die Frage, wie dieser Weg verantwortungsvoll weitergeführt wird.

Wirtschaftsforum: Viele Unternehmen nutzen einen solchen Anlass vor allem für den Rückblick. Bei Ihnen entsteht eher der Eindruck, dass es um Zukunft geht.

Steffen Runge: Absolut. Entscheidend ist für uns der Blick nach vorn. Die Entwicklung des Unternehmens erklärt, warum wir heute so aufgestellt sind. Über Jahrzehnte hinweg war es notwendig, sich immer wieder anzupassen – technisch, organisatorisch und strategisch. Diese Veränderungsfähigkeit ist ein zentraler Erfolgsfaktor und bleibt auch künftig entscheidend.

Wirtschaftsforum: Heute sind Sie klar im Tiefbau positioniert, vor allem im Kanal- und Rohrleitungsbau. Warum dieser konsequente Fokus?

Steffen Runge: Das Unternehmen hat im Laufe seiner Geschichte viele Bereiche abgedeckt. Spätestens mit veränderten Eigentümerstrukturen wurde jedoch deutlich, dass nachhaltiger Erfolg nur mit bewusster Konzentration möglich ist. Seitdem arbeiten wir ausschließlich im Kanal- und Rohrleitungsbau und damit rund um das Thema Wasser. Dafür verfügen wir über die höchsten Zulassungen und können sämtliche Rohrdurchmesser und Tiefenlagen realisieren. Das versetzt uns in die Lage, auch technisch anspruchsvolle und innerstädtisch komplexe Projekte umzusetzen, an die sich viele andere Unternehmen nicht herantrauen. Diese technische Tiefe ist unser klarer Wettbewerbsvorteil. 

Wirtschaftsforum: Wie bewährt sich diese Ausrichtung in einem Umfeld, das von Konjunkturschwankungen und Krisen geprägt ist?

Steffen Runge: Sehr gut. Unsere Leistungen sind Teil der kritischen Infrastruktur, und die Nachfrage nach Wasser-, Energie- und Wärmenetzen ist weitgehend konjunkturunabhängig. Gerade bei öffentlichen Auftraggebern zählen Verlässlichkeit, Erfahrung und eingespielte Teams – insbesondere bei komplexen innerstädtischen Projekten. Das hat sich auch in den vergangenen Jahren gezeigt: Selbst unter schwierigen Rahmenbedingungen konnten wir kontinuierlich arbeiten. Insgesamt sorgt das für eine stabile Auftragslage, auch wenn äußere Faktoren wie Wetter oder zeitliche Verzögerungen immer mitgedacht werden müssen.

Wirtschaftsforum: Gleichzeitig konzentrieren Sie sich auf die Region und bauen dort Ihre Position gezielt weiter aus. 

Steffen Runge: Ja. Unser Schwerpunkt liegt klar in der Metropolregion Berlin-Brandenburg. Dort kennen wir die Auftraggeber, die Rahmenbedingungen, die Infrastruktur.

Statt geografisch zu wachsen, vertiefen wir unsere Kompetenzen. Ein gutes Beispiel ist der Fernwärmebereich. Der Ausbau der Wärmeinfrastruktur wird in den nächsten Jahren enorm an Bedeutung gewinnen, und darauf bereiten wir uns gezielt vor – fachlich und personell.

Wirtschaftsforum: Personell ist ein gutes Stichwort. Viele Unternehmen klagen über Fachkräftemangel. Sie berichten von jahrzehntelanger Betriebszugehörigkeit.

Steffen Runge: Das ist tatsächlich einer unserer größten Werte. Wir haben Kollegen, die über 40 Jahre bei uns sind. Das kommt nicht von ungefähr. Der Umgang miteinander ist familiär, die Bezahlung tariflich und fair, und wir investieren viel in Ausbildung. Junge Leute werden bei uns nicht einfach ‘mitgeschleppt’, sondern begleitet – vom Azubi bis hin zum Bauleiter oder dualen Studenten.

Wirtschaftsforum: Wie passt Digitalisierung in dieses eher handwerklich geprägte Umfeld?

Steffen Runge: Pragmatismus ist auch hier unser Leitprinzip. Wir arbeiten cloudbasiert, standortunabhängig und reduzieren Papier, wo es sinnvoll ist – wissen aber auch, dass eine Baustelle keine Bürolandschaft ist. Digitalisierung und KI müssen helfen, nicht behindern; nicht jeder Trend bringt automatisch Mehrwert.

Wirtschaftsforum: Wenn Sie nach vorne schauen: Was muss bleiben, damit man in 25 Jahren vielleicht über 175 Jahre Gottlieb Tesch spricht?

Steffen Runge: Der Kern. Unsere Haltung. Qualität vor Quantität, Spezialisierung statt Beliebigkeit, Verantwortung gegenüber Mitarbeitern und Region. Technik, Märkte und Werkzeuge ändern sich – das haben die letzten 150 Jahre gezeigt. Aber wenn wir weiter ehrlich arbeiten, unsere Leute mitnehmen und uns nicht verzetteln, bin ich überzeugt, dass diese Geschichte noch lange weitergeschrieben wird. 

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

Software für den Praxisalltag

Interview mit Fabian Gundlach, Geschäftsführer der ergosoft GmbH

Software für den Praxisalltag

Aus einer Abrechnungssoftware für Psychotherapeuten ist bei ergosoft über drei Jahrzehnte eine umfassende Lösung für den Praxisalltag entstanden. Geschäftsführer Fabian Gundlach setzt auf Spezialisierung, engen Kundenkontakt und neue Technologien wie…

„Wir sind mit erstklassigem Personal gesegnet!“

Interview mit Mira Steinhoff-Busch, Geschäftsführerin der Kranken- und Intensivpflegedienst LebensLuft GmbH

„Wir sind mit erstklassigem Personal gesegnet!“

Gemeinsam für Menschen da zu sein: ein Anspruch, der unter den engen Rahmenbedingungen des Pflegealltags häufig auf der Strecke bleibt. Der Kranken- und Intensivpflegedienst LebensLuft, der sich auf die Betreuung…

„Die ESA sagte uns, was wir machen, sei unmöglich!“

Interview mit Tom Segert, Mitgründer und CEO der Berlin Space Technologies GmbH

„Die ESA sagte uns, was wir machen, sei unmöglich!“

Kaum ein Unternehmen dürfte derart komplex zu gründen und zu skalieren sein wie ein Satellitenhersteller: Tom Segert und seine Partner haben es dennoch getan – mit beachtlichen Erfolgen, die sich…

Spannendes aus der Region Landkreis Potsdam-Mittelmark

Zwischen Golf, Gastlichkeit und Zukunftssicherung

Interview mit Bernd Eulitz, Geschäftsführer der Hotel Semlin GmbH

Zwischen Golf, Gastlichkeit und Zukunftssicherung

Golf, Hotel, Gastronomie und Naturerlebnis greifen in Semlin seit Jahrzehnten ineinander. Aus dem ersten Golfplatz Brandenburgs entwickelte sich eine weitläufige Anlage mit Hotel, mehreren Golfplätzen und rund 1.400 Mitgliedern. Geschäftsführer…

Mit Struktur zu besserem Hospitality-Service

Interview mit Peyman Rahimi, Gründer und Geschäftsführer der PerLease GmbH

Mit Struktur zu besserem Hospitality-Service

Die Personaldienstleistung in der Hospitality-Branche gilt als dynamisch und anspruchsvoll, jedoch oft wenig strukturiert. Mit der Vision, mehr Qualität und Verlässlichkeit in diesen Markt zu bringen, gründete Peyman Rahimi 2010…

Großbau auf sicherer Basis

Interview mit Thomas Meyer, Gründer und Geschäftsführer der Meyer Erdbau GmbH

Großbau auf sicherer Basis

Bevor Bauwerke entstehen, müssen komplexe Aufgaben im Untergrund gelöst werden – präzise, terminsicher und in großen Dimensionen. Genau hier liegt die Stärke der Meyer Erdbau GmbH mit Sitz in Schönwalde-Glien…

Das könnte Sie auch interessieren

Der Airbag für Lithium-Ionen-Batterien

Interview mit Philipp Helmle, Geschäftsführer der LogBATT GmbH

Der Airbag für Lithium-Ionen-Batterien

Die Sicherheitsanforderungen an den Transport von Batterien für die Elektromobilität und ähnliche Anwendungsfelder sind immens: Seit 2017 entwickelt LogBATT aus dem Neckartal hierfür zielgerichtete Produkte für den gesamten Batterie­lebenszyklus von…

„Mein Rat an Camper? Hinterlasst höchstens eine Reifenspur!“

Interview mit Stefan Christner, Geschäftsführer der bimobil – von Liebe GmbH

„Mein Rat an Camper? Hinterlasst höchstens eine Reifenspur!“

Seit fast einem halben Jahrhundert steht bimobil für langlebige und hochwertige Reisemobile – in einem Markt, der in den letzten Jahren einen enormen Boom erlebt hat. Warum die ursprüngliche Idee…

Schnell reagieren können

Interview mit Steven Herpichböhm, CTO der Gramß GmbH Kunststoffverarbeitung

Schnell reagieren können

Wie wird aus einem kleinen Familienbetrieb ein hochmoderner Kunststoffspezialist mit 150 Maschinen? Steven ­Herpichböhm, CTO der Gramß GmbH in Spechtsbrunn bei Sonneberg, kennt die Antwort. Im Interview spricht er über…

TOP