„Wir sind größer geworden, aber eben kein Industriebäcker!“

Interview mit Marcell Meyer, Geschäftsführer der Heidebäckerei Meyer

Wirtschaftsforum: Herr Meyer, seit inzwischen über 100 Jahren steht Ihr Betrieb als Heidebäcker für traditionelle Handwerkskunst – die größten Wachstumsimpulse folgten aber erst in der jüngeren Vergangenheit.

Marcell Meyer: Wir sind stolz, dass unser Unternehmen seit der Gründung durch meinen Urgroßvater Wilhelm Meyer bis heute ununterbrochen in Familienhand geblieben ist und auch schwierige Zeiten wie die Kriegsjahre und die frühe Nachkriegszeit gut überstanden hat. Mein Vater engagiert sich inzwischen seit über 50 Jahren in unserem Bäckereibetrieb – unter seiner Führung haben wir in den 1990er-Jahren dann auch die ersten Filialen eröffnet. 2001 folgten zehn weitere Standorte in Uelzen, bevor wir uns in den Folgejahren auch auf die Regionen Hannover, Braunschweig und Wolfsburg ausdehnten. Heute umfasst unser Filialnetz etwa 100 Niederlassungen.

Wirtschaftsforum: Sie selbst sind inzwischen seit sieben Jahren im Familienunternehmen aktiv.

Marcell Meyer: Ich hatte zuvor Betriebswirtschaftslehre und International Management studiert. Dann habe ich mich zunächst in der Digitalisierung unseres Betriebs engagiert sowie Themen wie eine klarere, modernere Markenführung forciert. Diese setzen wir nun sukzessive in all unseren Filialen um. Ähnliche Impulse brachte auch Stefan ‘Frank’ Kolbe in unser Unternehmen ein, ein alter Freund meines Vaters, den wir ebenfalls für die Geschäftsführung gewinnen konnten. Ich selbst absolviere neben meiner Tätigkeit als Geschäftsführer mit 34 Jahren derzeit eine Ausbildung zum Bäcker, um meine Produktkenntnisse weiter zu vertiefen, während mein Vater vor einigen Jahren noch den Titel Brot-Sommelier erwarb – das ist gewissermaßen die höchste Stufe in unserem Handwerk, die weltweit nur etwas mehr als 300 Menschen erreicht haben. Allgemein möchten wir in Zukunft etwas weniger aus der Backstube heraus denken und verkaufsgetriebener agieren. Dazu stellen wir uns ganz gezielt die Frage, welche Produkte sich unsere Kunden heute von uns wünschen.

Wirtschaftsforum: Und welche Produkte sind das?

Marcell Meyer: Unser Ursprungsprodukt, das Heidebrot mit seinem traditionell hohen Roggenanteil, wird weiterhin sehr stark nachgefragt. Am beliebtesten ist nach wie vor unser Opa-Wilhelm-Brot – benannt nach unserem Gründer, meinem Urgroßvater – aus 60% Roggen- und 40% Dinkel­mehl. Im Brötchenbereich sind unsere Goldbengel seit 20 Jahren ein Klassiker: Diese werden von uns konsequent langzeitgeführt, also einen Tag im Voraus produziert, da sie durch die lange Teigreife wesentlich bekömmlicher werden; gleichzeitig backen wir sie wirklich vor Ort in unseren einzelnen Filialen, wodurch ein sehr überzeugendes Geschmacks­erlebnis entsteht. Diese traditionellen Produkte ergänzen wir inzwischen punktuell um ein paar Eyecatcher, die von unseren Kunden sehr gut angenommen werden – etwa unser Porridge-Brot, das wir seit Januar anbieten, oder unser Walnuss-Dattel-Brot.

Wirtschaftsforum: Wie bringen Sie Tradition und Innovation – sowie weiteres Wachstum und Ihren starken Fokus auf das Handwerk – unter einen Hut?

Marcell Meyer: Wir sind größer geworden, aber eben kein Industriebäcker: Das betonen wir auch kontinuierlich gegenüber unseren Kunden. Wir sind weiterhin stark in unserer Region verwurzelt, beziehen unsere Rohstoffe aus unserer unmittelbaren Umgebung: Unsere Brote, Brezen, Brötchen und Croissants entstehen allesamt in unserem Betrieb, genauso wie unsere Kochstücke, Brühstücke und Sauerteige. Die 100.000 Eier, die wir jeden Monat verarbeiten, beziehen wir von uns persönlich bekannten Hühnerhöfen mit Freilandhaltung. Die Milch wird von uns taggleich verarbeitet und stammt von einem befreundeten Betrieb. Allein den Kaffee für die Café-Bereiche in unseren Filialen beziehen wir aus außereuropäischen Quellen, schlicht weil es dazu keine Alternative gibt – und auch hier setzen wir auf einen vertrauenswürdigen Partner, dem Nachhaltigkeit und Fairness so wichtig sind wie uns. Mir und unserem gesamten Team, das inzwischen auf über 1.000 Köpfe angewachsen ist, macht diese starke Zusammenarbeit mit regionalen Partnern enorm viel Spaß – und uns alle treibt der hohe Qualitätsanspruch in unserem Unternehmen jeden Tag aufs Neue an.

Wirtschaftsforum: Die Krisen der letzten Jahre haben Ihr Geschäftsfeld nicht einfacher gemacht.

Marcell Meyer: Das stimmt. Umso wichtiger bleibt unser gewachsenes Qualitätsbewusstsein. Lebensmitteldiscounter können ihre Produkte zu Verkaufspreisen anbieten, die bereits unter unseren Aufwendungen für den Wareneinsatz liegen. Damit können und wollen wir nicht mithalten. Stattdessen liegen unsere primären Ziele in wirklich tollen Produkten, die von zufriedenen Mitarbeitern für begeisterte Kunden hergestellt werden: heute wie vor 100 Jahren!

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