Die Kunst der feinen Drähte

Interview mit Sebastian Ablas, Geschäftsführer der Heinrich Stamm GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Ablas, wie verlief Ihr Weg zur Heinrich Stamm GmbH – und was hat Sie dazu bewegt, zurückzukehren?

Sebastian Ablas: Ich bin gelernter Elektroingenieur und 2011 in die Unternehmensgruppe eingetreten. Nach Stationen im Maschinenbau und als Betriebsleiter bei Heinrich Stamm habe ich das Unternehmen zwischenzeitlich verlassen, bin aber 2020 zurückgekehrt und seit Anfang 2025 Geschäftsführer. Ausschlaggebend war vor allem die besondere Unternehmenskultur. Bei uns kennt man die Mitarbeiter persönlich, arbeitet auf Augenhöhe zusammen und lebt ein sehr familiäres Miteinander. Oder wie wir sagen: „Einmal Stammler, immer Stammler.“

Wirtschaftsforum: Die Heinrich Stamm GmbH blickt auf eine lange Geschichte zurück. Wie hat sich das Unternehmen entwickelt?

Sebastian Ablas: Das Unternehmen wurde bereits 1815 gegründet und hat im Laufe der Jahrzehnte nahezu alle Bereiche der Drahtverarbeitung kennengelernt. Heute konzentrieren wir uns auf hoch spezialisierte Anwendungen. Wir fertigen Edelstahldrähte, Kupferlegierungen und Erodierdrähte und sehen uns zunehmend als Hightech-Unternehmen. Der Wettbewerb, insbesondere aus Asien, hat den Markt stark verändert. Deshalb setzen wir bewusst auf Spezialisierung, Innovation und technologische Führungsqualität.

Wirtschaftsforum: Was zeichnet Heinrich Stamm technologisch besonders aus?

Sebastian Ablas: Unsere große Stärke liegt in der Kombination 
aus Qualität, Präzision und Prozess-Know-how. Der dünnste Draht, den wir aktuell fertigen, hat einen Durchmesser von nur 11 μm – das entspricht ungefähr einem Siebtel eines menschlichen Haares. Entscheidend ist dabei nicht nur die Feinheit, sondern die Fähigkeit, diese Qualität auch reproduzierbar und in entsprechenden Mengen herzustellen. Gemeinsam mit einem Schmelzwerk haben wir eigene Materialgüten entwickelt und können dadurch exakt auf die Anforderungen unserer Kunden eingehen.

Wirtschaftsforum: Wo kommen diese Spezialdrähte zum Einsatz?

Sebastian Ablas: Besonders stark wachsen wir aktuell im Medizinbereich. Dort entstehen viele Innovationen, die extrem präzise Materialien erfordern. Unsere ultrafeinen Drähte ermöglichen beispielsweise besonders dünne Katheter oder Führungsdrähte, mit denen Ärzte in Bereiche des Körpers gelangen können, die bisher schwer erreichbar waren. Gleichzeitig beschäftigen wir uns intensiv mit Anwendungen rund um Elektrolyse-Technologien und generell erneuerbare Energien.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielen Partnerschaften dabei?

Sebastian Ablas: Eine sehr große. Wir setzen konsequent auf Netzwerke und Kooperationen. Nicht alles muss im eigenen Haus entstehen. Entscheidend ist, die richtigen Partner zu haben. Gemeinsam mit spezialisierten Unternehmen entwickeln wir neue Lösungen vom Werkstoff bis hin zur Weiterverarbeitung. So können wir unseren Kunden ein Gesamtpaket bieten, das weit über den klassischen Draht hi­nausgeht.

Wirtschaftsforum: Heinrich Stamm ist Teil der Bender Wire Group. Welche Vorteile ergeben sich daraus?

Sebastian Ablas: Die Bender Wire Group umfasst insgesamt fünf Unternehmen in Deutschland und den USA. Dadurch können wir innerhalb der Gruppe ein sehr breites Portfolio abdecken – vom dicken Vormaterial bis hin zum ultrafeinen Spezialdraht. Gleichzeitig bleiben die einzelnen Unternehmen eigenständig und flexibel. Diese Struktur ermöglicht uns kurze Entscheidungswege und eine hohe Kundennähe.

Wirtschaftsforum: Welche Werte prägen die Unternehmenskultur?

Sebastian Ablas: Verlässlichkeit spielt bei uns eine zentrale Rolle. Wir sagen intern oft: „Ein Mann, ein Wort.“ Das bedeutet, dass wir nur das versprechen, was wir auch leisten können. Gleichzeitig leben wir eine sehr bodenständige Kultur. Bei uns steht auch der Geschäftsführer in Arbeitskleidung an der Maschine, wenn es notwendig ist. Diese Hands-on-Mentalität prägt das gesamte Unternehmen.

Wirtschaftsforum: Wohin soll sich das Unternehmen künftig entwickeln?

Sebastian Ablas: Wir wollen unsere Position als Spezialist für innovative Hochleistungsdrähte weiter ausbauen. Besonders großes Potenzial sehen wir im Medizinmarkt und in Zukunftstechnologien. Gleichzeitig möchten wir unsere internationale Präsenz stärken. Europa und die USA sind bereits wichtige Märkte für uns, künftig wollen wir aber auch in Asien deutlich stärker vertreten sein. Unser Ziel ist es, technologisch immer einen Schritt voraus zu sein.

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