Dynamisch im Markt, stabil im Fundament

Interview mit Luca Niero, Sales SOP/Export Sulphuric Acid SOP der Marchi Industriale S.p.A.

Wirtschaftsforum: Herr Niero, Marchi Industriale behauptet sich seit über 150 Jahren am Markt. Wie hat sich das Unternehmen über die Jahre entwickelt?

Luca Niero: Marchi Industriale wurde 1873 gegründet und ist in 5. Generationen in Familienhand. Ein wesentlicher Meilenstein war 1899 der Bau unseres Werks in Marano Veneziano, das bis heute unser Herzstück ist. Dort startete die Produktion von Schwefelsäure – damals noch auf Basis von Pyrit aus eigenen Minen in der Toskana. Im Laufe der Jahrzehnte haben wir unsere Verfahren kontinuierlich modernisiert. In den 1970er-Jahren erfolgte die Umstellung auf das heute noch genutzte katalytische Verfahren auf Basis von elementarem Schwefel. 2004 kam mit der Joint Venture Esseco Group das Werk Essemar in Trecate hinzu, das rund 150.000 t Schwefelsäure pro Jahr produziert. In Marano selbst liegen wir bei etwa 110.000 t jährlich.

Wirtschaftsforum: Neben Schwefelsäure zählt Marchi Industriale auch in anderen Produktbereichen zu den etablierten Anbietern. Welche sind das primär?

Luca Niero: Neben Schwefelsäure ist insbesondere Kaliumsulfat ein zentraler Bestandteil unseres Geschäftsmodells. Bereits Mitte der 1980er-Jahre haben wir unsere Anlagen strategisch auf dieses Produkt umgestellt. Heute produzieren wir sowohl Standard- als auch wasserlösliches Kaliumsulfat, das vor allem in der Herstellung komplexer Düngemittel sowie direkt in der modernen Landwirtschaft eingesetzt wird, etwa in der Fertigation oder Blattdüngung. Dieses Segment gewinnt kontinuierlich an Bedeutung und ist ein wichtiger Wachstums­treiber für unser Unternehmen.

Wirtschaftsforum: Wie international ist Marchi Industriale heute aufgestellt?

Luca Niero: Rund 20 bis 25% unseres Umsatzes erzielen wir im Ausland. Bei Schwefelsäure beliefern wir vor allem Italien sowie angrenzende Länder wie Frankreich, Österreich, die Schweiz, Slowenien, Kroatien und Ungarn. Kaliumsulfat exportieren wir europaweit sowie in den Mittelmeerraum, nach Nordafrika und in den Nahen Osten. Gleichzeitig ist unsere Lieferkette stark international geprägt: Heute stammen etwa 85% unseres Schwefels aus Ländern außerhalb Italiens – eine massive Veränderung gegenüber der Situation vor 2020.

Wirtschaftsforum: Die vergangenen Jahre waren von Pandemie, Lieferkettenproblemen und geopolitischen Spannungen geprägt. Welche Auswirkungen haben Sie gespürt?

Luca Niero: Es waren echte Stresstests. Besonders unsere Lieferketten mussten wir komplett neu strukturieren. Die Flexibilität, Szenarien schnell zu analysieren und Entscheidungen zügig umzusetzen, war entscheidend. 2021 haben wir in eine Anlage zur Schwefelschmelze investiert. Das hat uns geholfen, unabhängiger zu agieren und unsere Wettbewerbsfähigkeit in einem turbulenten Marktumfeld zu sichern.

Wirtschaftsforum: Welche strategischen Ziele verfolgen Sie aktuell?

Luca Niero: Wir schließen derzeit ein mehrjähriges Investitionsprogramm mit einem Volumen von rund 50 Millionen EUR ab. Im Fokus stehen die Stärkung unserer Kernprodukte, der Ausbau unserer Marktposition im Mittelmeerraum und die weitere Effizienzsteigerung. Gleichzeitig beobachten wir angrenzende Geschäftsfelder wie Wasseraufbereitung auf Basis von End-of-Waste-Produkten oder Spezialdünger. Perspektivisch geht es darum, unser Portfolio sinnvoll zu diversifizieren, ohne unsere Wurzeln zu vernachlässigen.

Wirtschaftsforum: Sie sind seit 2009 im Unternehmen. Was macht Marchi Industriale als Arbeitgeber besonders?

Luca Niero: Viele beginnen ihre Karriere hier und bleiben bis zum Ruhestand. Dieses Zugehörigkeitsgefühl ist kein Marketingversprechen, sondern gelebte Realität. Unsere Unternehmenskultur ist familiär, geprägt von gegenseitiger Unterstützung und langfristigem Denken. Ich selbst habe im Vertrieb begonnen und verantworte heute neben dem Export auch die strategische Rohstoffbeschaffung. Für mich persönlich ist es wichtig, mit dem Unternehmen zu wachsen – und genau diese Möglichkeit bietet Marchi Industriale.

Wirtschaftsforum: Was sind entscheidende Erfolgsfaktoren?

Luca Niero: Neben technologischem Know-how und Investitionen ist es unser Wertesystem. Dieses Verständnis von Verantwortung – gegenüber Mitarbeitern, Partnern und Märkten – zieht sich seit Beginn durch die Geschichte des Unternehmens. Es ist vielleicht ein etwas ungewöhnliches Modell in einer Branche, die oft stark von kurzfristigen Marktbewegungen geprägt ist. Aber genau diese Kontinuität macht uns widerstandsfähig.

Wirtschaftsforum: Welche strukturellen Veränderungen erwarten Sie in Ihrer Branche?

Luca Niero: Der Markt wird anspruchsvoller. Energiepreise, Regulierung und geopolitische Unsicherheiten erhöhen den Druck auf europäische Produzenten. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach verlässlichen Grundchemikalien stabil. Entscheidend werden Effizienz, technologische Modernisierung und stabile Lieferketten sein.

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