„Transparenz ist besser als jedes Zertifikat!“

Interview mit Marco Scheel, Gründer und Geschäftsführer der M.S. Nordwolle GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Scheel, was zeichnet das Nordwolle-Gefühl aus, für das Sie seit inzwischen 13 Jahren stehen? 

Marco Scheel: Wir verzichten bei unserer Kleidung kompromisslos auf sämtliche Kunststoffe und setzen nahezu ausschließlich Wolle von deutschen Schafen ein. Wenige Ausnahmen bilden Wolle von walisischen Bergschafen aus Gründen der Farbgestaltung, weil wir einen künstlichen Färbeprozess so weit wie möglich vermeiden möchten, sowie Wolle von ihren Artgenossen von der Iberischen Halbinsel, die wir zu Produkten wie Hemden weiterverarbeiten, die direkt auf dem Körper getragen werden. Wir halten in unserem Betrieb auch selbst Schafe – doch dieser Bestand würde angesichts unseres Bedarfs von 400 t Wolle pro Jahr, was dem Wollertrag von etwa 150.000 Tieren entspricht, niemals ausreichen. 

Wirtschaftsforum: Worin liegt dabei Ihre zentrale Mission? 

Marco Scheel: Wir stehen für Produkte, die nicht nur in ihrer Nachhaltigkeitsbilanz, sondern auch im Hinblick auf ihre Funktionalität unschlagbar sind. Denn mit unseren nachhaltigen Naturfasern können wir in puncto Atmungsaktivität und Langlebigkeit das leistungsfähigste Produkt überhaupt anbieten – das sieht auch unsere inzwischen riesige Bestandskundschaft so. Viele, die unsere Kleidung zum ersten Mal tragen, haben direkt ein Aha-Erlebnis: „Ich muss ja gar nicht gleichzeitig schwitzen und frieren wie in Kunstfaserklamotten, sondern kann ein komfortables Tragegefühl genießen, ohne vom Regen durchnässt zu werden!“

Wirtschaftsforum: Sie produzieren und vertreiben Ihre Produkte grundsätzlich selbst – welche Vorteile bringt dieses Modell mit sich? 

Marco Scheel: Vielleicht lag unsere wichtigste Entscheidung darin, von Anfang an möglichst viele Produktionsschritte vertikal zu integrieren, insbesondere die Konfektion und den Zuschnitt. Denn so sind wir nicht nur in der Fertigung, sondern auch in der Produktentwicklung deutlich schneller und innovativer, als wenn wir uns ständig mit externen Partnern austauschen müssten. Im Marketing haben wir uns derweil bewusst entschlossen, konsequent meine Person ins Zentrum zu stellen.

Wirtschaftsforum: Das muss auch Ihnen persönlich einigen Mut abverlangt haben. 

Marco Scheel: Sonst hätten wir wie alle anderen Marktteilnehmer ins Brand-Game einsteigen und dazu jeden Quadratzentimeter unserer Website so optimieren müssen, dass daraus die pure Berechnung spricht. Das wollten wir nicht, denn ein Marketing-Spiel, das unweigerlich auf Basis enormer Kapitalmittel ausgetragen wird, können wir nicht gewinnen. Schließlich produzieren wir unsere Produkte ausschließlich in Deutschland und sind damit den entsprechenden Kostenstrukturen und Zielmargen unterworfen. Wer dagegen in Vietnam fertigen lässt, kann ganz andere Mittel auffahren. 2023 starteten wir schließlich unseren eigenen YouTube-Kanal, mit dem wir unsere Breitenwirkung beträchtlich steigern konnten. Seitdem erzielen wir jedes Jahr zweistellige Umsatzzuwächse.

Wirtschaftsforum: Bis heute haben Sie kein einziges Umweltzertifikat erworben und trotzdem erkennt man den konsequenten Nachhaltigkeitsanspruch Ihres Unternehmens auf den ersten Blick.

Marco Scheel: Auch das war eine ganz bewusste Entscheidung, denn unser wichtigster Wert heißt wahrscheinlich Transparenz. Ich glaube, die meisten Menschen haben es satt, mit erhobenem Zeigefinger von Unternehmen zu ihrem Konsumverhalten belehrt zu werden, wobei sich dann bisweilen herausstellt, dass bei diesen Herstellern eben auch nicht alles Gold ist, was glänzt, nur weil es in schöne Zertifikate eingehüllt ist. Wir halten hingegen schonungslos die Kamera auf alles, was wir tun – und damit gerade auch auf die Stellen, an denen wir selbst einmal Kompromisse eingehen müssen, weil es keine bessere Alternative gibt. Der Kunde kann dann entscheiden, ob er diesen Weg mitgeht – in Kenntnis aller relevanten Informationen. Am wichtigsten ist uns dabei, dass sich mit unseren Produkten eine positive Wirkung auf die Ökosysteme erzielen lässt, denn Schafe sind essenziell für eine regenerative Landwirtschaft und ihre Wolle ist das Beste, was sich die Natur ausgedacht hat, um ein gleichwarmes Säugetier vor Wind und Wetter, Hitze und Kälte zu schützen. Hier kann der Verbraucher durch mehr Konsum also ausnahmsweise etwas Gutes tun. 

Wirtschaftsforum: In den nächsten Jahren wollen Sie Ihr Produktportfolio zudem noch deutlich diversifizieren.

Marco Scheel: Neben Bekleidung möchten wir künftig auch Isolierverpackungen für die Pharmaindustrie und den Lebensmittelbereich herstellen. Dazu müssen wir aber zuerst eine zweite Produktionshalle errichten. Die Pläne dafür sind fertig, doch während wir Gas geben wollen, stehen die Bauämter leider auf der Bremse, was unser weiteres Wachstum hemmt. Um unsere Kreisläufe noch nachhaltiger zu schließen, verarbeiten wir unseren Verschnitt zudem zu einer Einblasdämmung weiter, die mit ihrem niedrigen Wärmeleitkoeffizienten und einem hervorragenden Feuchtigkeitsmanagement bestens zur Gebäudeisolierung geeignet ist. So denken wir Wolle konsequent im Kreislauf – vom Schaf bis zur Jacke und darüber hinaus.

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