„Digitalisierung ist für uns seit Jahren gelebte Praxis!“

Interview mit Alex Müller, Geschäftsführer der Technische Betriebe Offenburg

Wirtschaftsforum: Herr Müller, wie sind die Technischen Betriebe Offenburg entstanden und welche historischen Entwicklungen haben das Unternehmen geprägt?

Alex Müller: Die TBO wurden 1995 als ausgelagerter Bauhofbetrieb gegründet, ein damals landesweit einzigartiges Modell, das eine Sondergenehmigung erforderte. Ursprünglich ging es um die Zusammenlegung von Bauhof und Stadtgärtnerei. Historisch interessant ist, dass Offenburg ursprünglich eigenständige Stadtwerke für Gas und Wasser hatte. Mit Gründung der Badenova wurde die Gasversorgung ausgelagert, während die Wasserversorgung als Offenburger Wasserversorgung (OWV) in städtischer Hand blieb. Ein entscheidender Meilenstein war 2018 die Eröffnung unseres 40-Millionen-EUR-Freizeitbades, das heute nicht nur Freizeitspaß bietet, sondern auch Schul- und Vereinssport ermöglicht. Besonders stolz sind wir darauf, dass die Besucherzahlen seit Eröffnung kontinuierlich über den Prognosen liegen. Ein weiterer wichtiger Schritt war 2013 die Gründung unserer eigenen Elektrowerkstatt, die heute mit zehn Beschäftigten nicht nur den Bäderbetrieb, sondern alle städtischen Liegenschaften versorgt.

Wirtschaftsforum: Die TBO haben ihr Aufgabenportfolio deutlich erweitert. Welche Bereiche gehören heute dazu und wie kam es zu dieser Entwicklung?

Alex Müller: Heute sind wir in zehn zentralen Bereichen aktiv: Neben dem klassischen Bauhof mit Stadtreinigung, Grünflächenpflege und Straßenbau verantworten wir den Bäderbetrieb, den Stadtbusverkehr, die Forstwirtschaft, das Energiemanagement und sogar die Wildbretvermarktung. Ein wichtiger Entwicklungsschritt war die Übernahme des Stadtbusverkehrs. Wir sind zwar nicht der Betreiber, aber als Konzessionsinhaber steuern wir die Entwicklung. Aktuell bereiten wir die Ausschreibung für den neuen ÖPNV vor, bei dem Elektrobusse eine zentrale Rolle spielen sollen. Seit 2015 betreiben wir ein innovatives Regiejagdsystem. Jäger pachten bei uns Jagdbezirke und geben das Wildbret an uns ab. Wir vermarkten jährlich 900 bis 1.000 Stück Rehwild und 300 bis 450 Stück Schwarzwild – unter anderem über unseren eigenen Verkaufswagen auf dem Markt. Im Energiemanagement kaufen wir seit fast zehn Jahren 100% Ökostrom ein und betreiben eigene Photovoltaikanlagen und Blockheizkraftwerke. Besonders seit der Ukrainekrise haben wir unsere Beschaffungsstrategie deutlich professionalisiert.

Wirtschaftsforum: Die TBO gelten als Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Welche konkreten Projekte setzen Sie um?

Alex Müller: Digitalisierung ist für uns seit Jahren gelebte Praxis. Wir haben KI-gestützte Chatbots für Bürgeranfragen mit einer Trefferquote von über 50%, Sensoren in Müllbehältern zur Tourenoptimierung und Temperatursensoren im Winterdienst eingeführt. Besonders stolz sind wir auf die automatisierte Bewässerung von Stadtbäumen mit Feuchtemessgeräten. Darüber hinaus haben wir Finanzwesen, Personalakten und Auftragsmanagement, wo über 10.000 Aufträge pro Jahr anfallen, komplett digitalisiert. Unser digitales Scherbenmeldetelefon wandelt Anrufe in E-Mails um und leitet sie anschließend direkt an die zuständigen Stellen weiter.

Wirtschaftsforum: Welche Akzente können Sie in puncto Nachhaltigkeit setzen?

Alex Müller: Wir fahren mit E-Fahrzeugen, planen Elektrobusse für den ÖPNV und prüfen das bidirektionale Laden für Energiespeicherung. Aktuell planen wir zudem ein Parkhaus am Schlachthof mit öffentlicher sowie privater Nutzung. Unser Ziel ist mehr Energieautarkie, denn wir wollen weniger abhängig von externen Lieferanten sein.

Wirtschaftsforum: Wie schaffen Sie mit ihren 370 Mitarbeitern eine familiäre Kultur?

Alex Müller: Trotz unserer Größe legen wir Wert auf eine familiäre Atmosphäre. Wir setzen auf flexible Arbeitszeiten, interne Fortbildungen – 80% des Führungsnachwuchses kommt aus eigenen Reihen – und Integration, zum Beispiel durch Kooperationen mit der Lebenshilfe. Unsere Mitarbeiter identifizieren sich stark mit der Stadt und ihren Aufgaben.

Wirtschaftsforum: Welche He­rausforderungen sehen Sie für die Zukunft?

Alex Müller: Der Fachkräftemangel ist unsere größte Herausforderung. Wir fördern Nachwuchs durch Ausbildungen und Praktika. Zudem arbeiten wir an mehr Energieautarkie und digitaler Effizienz, um mit weniger Personal mehr zu schaffen.

Wirtschaftsforum: Und was motiviert Sie persönlich?

Alex Müller: Die Freiheit, Ideen für die Bürger umzusetzen, ob Freizeitbad, ÖPNV oder Nachhaltigkeitsprojekte. Die Vielfalt der Aufgaben und das engagierte Team machen die Arbeit jeden Tag spannend. Besonders motivierend ist es, wenn man sieht, dass unsere Projekte das Leben in Offenburg wirklich verbessern.

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