„Die Zeitarbeit muss ihr Schattendasein hinter sich lassen!“

Interview mit Dr. Eckart Gaude, CEO der ZAG Zeitarbeits-Gesellschaft GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Gaude, als einer der führenden Personaldienstleister in Deutschland setzt ZAG in seinem Leitbild ganz auf „Menschen und Perspektiven“. Lässt sich dieser Anspruch an Menschlichkeit in Zeiten der Digitalisierung auch perspektivisch aufrechterhalten?

Dr. Eckart Gaude: Der Trend in unserer Branche geht tatsächlich immer mehr zu neutralen Vendor-Portalen, auf denen die Kunden ihr Anforderungsprofil weitgehend automatisiert ausschreiben, woraufhin die gelisteten Zeitarbeitsunternehmen ihre Mitarbeiter ebenfalls auf rein digitalem Wege anbieten können. ZAG steht jedoch seit 40 Jahren für einen viel stärker menschenzentrierten Ansatz, den wir auch in Zukunft konsequent beibehalten werden. Angesichts des Dreiecksverhältnisses aus Kunde, Personaldienstleister und Arbeitnehmer stehen wir dabei im gelebten Alltag natürlich vor besonderen Herausforderungen.

Wirtschaftsforum: Zum Beispiel?

Dr. Eckart Gaude: Wir möchten unsere Mitarbeiter konsequent an uns binden, damit sie ZAG auch klar als ihren Arbeitgeber identifizieren – das ist nicht einfach, wenn sie tagtäglich beim Kunden vor Ort im Einsatz sind und natürlich dort in engem Austausch mit der übrigen Belegschaft stehen. Inzwischen beschäftigen wir bei ZAG eine eigene Führungskraft, die sich ausschließlich der Stärkung der Mitarbeiterbindung an unser Unternehmen widmet – zum Beispiel durch attraktive After-Work-Events in unseren Niederlassungen, wo wir dann auch fortlaufend in einen engen Austausch mit den Menschen eintreten können, die für uns arbeiten. Wenn es dann im alltäglichen Berufsleben doch einmal irgendwo hakt, können wir frühzeitig gegensteuern – und im Zweifel einen Einsatz bei einem anderen Kunden ermöglichen.

Wirtschaftsforum: Ist die Festanstellung beim Kundenunternehmen zumeist das erklärte Ziel Ihrer Mitarbeiter?

Dr. Eckart Gaude: Diese Vorstellung missversteht zunächst den Wert der Zeitarbeit: Unsere Mitarbeiter sind ja bereits fest angestellt – nämlich bei uns. Möchte ein Mitarbeiter beziehungsweise eine Mitarbeiterin in ein Arbeitsverhältnis bei einem Kunden wechseln, fördern wir dieses Ansinnen selbstverständlich und sehen dies als Bestandteil unserer Aufgabe. In vielerlei Hinsicht genießen unsere Mitarbeitenden faktisch sogar einen umfangreicheren Kündigungsschutz, als wenn ihr Anstellungsverhältnis direkt mit dem Unternehmen bestünde, in dem sie eingesetzt werden: So hätten wir als Zeitarbeitsunternehmen kaum eine Chance, eine betriebsbedingte Kündigung auszusprechen – unser Geschäftsmodell besteht ja gerade darin, für unsere Mitarbeiter eine sinnvolle Beschäftigung zu finden, und es wäre schließlich ein absolutes Armutszeugnis, wenn uns das nicht gelänge. Gerade jüngere Mitarbeiter, die am Anfang ihres Berufsleben stehen, nutzen gerne die Flexibilität einer Zeitarbeitsfirma, um in verschiedene Branchen und Unternehmen hineinzuschnuppern. Für unsere Kunden liegen die Vorteile einer Zusammenarbeit mit ZAG derweil auf der anderen Seite der Medaille.

Wirtschaftsforum: Und die wären?

Dr. Eckart Gaude: Wir tragen das Risiko, wenn unsere Mitarbeiter krank werden oder wenn es aus sonstigen Gründen zu Fehltagen kommt – denn dann fallen für unsere Kunden selbstverständlich keine Kosten an, genauso wenn unsere Mitarbeiter im Urlaub sind. Sollte unser Kundenunternehmen einmal seinen Personalbestand reduzieren wollen – etwa in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten – liegen die Risiken des Trennungsmanagements ebenfalls bei uns. Dass die Zeitarbeit von den politischen Entscheidungsträgern vielfach mit ähnlicher Vehemenz zurückgedrängt werden soll wie etwa sachgrundlose Befristungen, liegt meiner Erfahrung nach vornehmlich an der weitreichenden Unkenntnis dieser zentralen Unterschiede. Weiter befeuert wird dieses Problem noch dazu durch eine überkommene diskriminierende Terminologie: So findet sich im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz weiterhin der Begriff Leiharbeit, den ich für ein Unding halte: Schließlich wird dadurch suggeriert, man könne Menschen im Arbeitsleben verleihen wie Sachen – und das hat mit der gelebten Realität überhaupt nichts zu tun.

Wirtschaftsforum: Über die Kinder- und Jugendstiftung „Pro Chance“ Ihrer Gründerin Sylvia Daniel legt ZAG auch großen Wert auf die Förderung von Kindern aus wirtschaftlich benachteiligten Familien.

Dr. Eckart Gaude: Wir möchten dafür eintreten, dass allen Kindern die gleichen gesellschaftlichen Chancen offenstehen, weshalb wir unseren Fokus an dieser Stelle klar auf Menschen legen, die wirtschaftliche Nachteile erfahren. Mit unserer Stiftung wollen wir Freizeitangebote, aber auch Bildungsmöglichkeiten wie Sprachunterricht schaffen. Inzwischen betreuen wir in Hannover auch einen eigenen Kindergarten.

Wirtschaftsforum: Wie blicken Sie angesichts des massiven technologischen Wandels in die Zukunft?

Dr. Eckart Gaude: Nicht nur die KI, sondern perspektivisch auch das Quantencomputing werden eine Welt schaffen, in der der Mensch nicht mehr nachvollziehen können wird, was die Maschinen tun. Um uns darauf vorzubereiten, müssen wir schon heute Leitplanken setzen. Dass sich durch diesen Wandel ein massiver Personalabbau einstellen wird, bezweifle ich: Vielmehr werden wir dadurch die Möglichkeit erhalten, menschliche Arbeit wirklich zielführend einzusetzen.

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