Architektur zwischen Madrid und ­Berlin

Interview mit Anja Lunge, Architektin und Nanna Wülfing, Architektin bei Nieto Sobejano Arquitectos

Wirtschaftsforum: Frau Lunge, Frau Wülfing, eine der wichtigsten Veröffentlichungen von Nieto Sobejano Arquitectos trägt den Titel „Memory and Invention“ – welcher Ansatz verbirgt sich hinter diesem Leitmotiv?

Nanna Wülfing: Wir beschäftigen uns in unserer Arbeit intensiv mit dem Dialog zwischen dem Vorhandenen, dem Vorgefundenen und der Erinnerung auf der einen Seite und dem Innovativen, Neuen und Zeitgemäßen auf der anderen. Wenn wir uns einem neuen Objekt widmen, wollen wir nicht einfach nur das Bestehende historisieren, ihm gleichzeitig aber genauso wenig etwas Neues aufpfropfen. Zeitgenössische Architektur braucht einen zeitgenössischen Charakter. Deshalb sind auch unsere Gebäude im Bestand so erfolgreich. Anstatt rückzubauen wollen wir vielmehr das Bestehende konsequent weiterdenken – ein extrem zeitgemäßer Gedanke, denn in Deutschland gibt es Millionen brachliegender Quadratmeter in Bestandsbauten, die neu belebt werden wollen, anstatt immer nur neue Flächen zu versiegeln, um die enorme Gebäudenachfrage zu bedienen.

Wirtschaftsforum: Wie setzen Sie diese Ambition in Ihren Projekten um?

Anja Lunge: Wir sprechen früh und intensiv mit den Anwohnern, Bauherren und zukünftigen Nutzern, bieten Workshops an und fragen dabei ganz gezielt: Was wird an diesem Ort benötigt? Welche aktuellen Probleme gibt es – und wie können wir sie gemeinsam lösen? Uns fasziniert, die Geschichte weitererzählen zu dürfen, die ein bestimmter Ort hat, und das können wir nur alle zusammen. Im Münchener Werksviertel haben wir beispielsweise ein Bürogebäude für das Unternehmen Optimol errichtet, dessen privater Innenhof in einem fließenden Übergang zu einem öffentlichen Platz verläuft. Das setzte natürlich eine lange Abstimmung mit allen beteiligten Akteuren voraus, doch das Ergebnis hat am Ende alle begeistert: Die Frage, wie ein solches Objekt Teil eines urbanen Gewebes sein kann, ist heute wahrscheinlich noch viel wichtiger als vor einigen Jahrzehnten.

Wirtschaftsforum: Wie viel Überzeugungsarbeit ist bei Ihren Kunden nötig, damit sie sich statt für die Tabula Rasa auf der grünen Wiese für die Revitalisierung eines bereits existierenden Objektes entscheiden?

Nanna Wülfing: Manchmal wird das Greenfield-Projekt zunächst tatsächlich als die wirtschaftlichere Lösung empfunden. Doch das ist nicht selten zu kurz gedacht. Hier sehen wir uns dann auch klar in der Aufgabe, die Bauherren für den Umstand zu sensibilisieren, dass ein nachhaltigerer Ansatz langfristig meist auch wirtschaftlich effizienter ist. Natürlich gibt es beim Bauen im Bestand keine etablierten Standards, die sich einfach abrufen lassen. Stattdessen müssen wir dort neue Materialien und Details entwickeln und besonders effizient gestalten. Diese Herausforderungen nehmen wir gerne an, denn sie führen auch zu einer nachhaltig besseren Architektur. Ein Bild, das einem nicht mehr gefällt, kann man im Zweifel einfach abhängen – ein Gebäude beeinflusst das öffentliche Leben hingegen mindestens jahrzehntelang.

Wirtschaftsforum: Ihr Architekturbüro hat an vielen exponierten Objekten mitgewirkt – in Deutschland, Spanien und weit darüber hinaus. Die Archäologische Staatssammlung in München liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen – nicht nur, weil Sie das Projekt selbst intensiv betreut haben.

Anja Lunge: Dort habe ich jeden Schritt hautnah miterleben dürfen: von der engen Einbindung der Nutzer und Bauherren ab dem Beginn des Projekts über manche Überraschung bei der Sanierung bis hin zu Treffen mit den Nachfahren der Architekten, die das ursprüngliche Objekt geplant und errichtet hatten. Auch gestalterisch griffen viele Themen ineinander: So wurde über der unterirdischen Museumserweiterung ein Spielplatz für einen anliegenden Kindergarten geplant. Gleichzeitig haben wir viele der ursprünglichen Materialien wieder aufgegriffen, wo dann auch die enorme Kunstfertigkeit der ausführenden Handwerker gefragt war, mit denen wir eng zusammenarbeiteten.

Wirtschaftsforum: Die Berliner Niederlassung Ihres binationalen Architekturbüros ist heute klar größer als das Pendant im angestammten Madrid: Was können Architekten, Planer und Handwerker aus beiden Städten voneinander lernen?

Anja Lunge: Ich glaube, Berlin kann von Madrid viel Flexibilität im Umgang mit Regeln lernen. Deutschland ist ja bekanntermaßen ziemlich durchgenormt und bürokratisch, gerade natürlich auch in der Bauwirtschaft und im Ingenieurwesen. Viele Architekten verzweifeln regelmäßig an den umfangreichen DIN-Normen. In Madrid – so mein Eindruck – nähert man sich einem Objekt oft etwas flexibler, auch wenn es im ersten Schritt dann noch nicht jedem Passus der jeweiligen Norm entspricht. Auf Basis innovativer Lösungen, die sich im Laufe der Zeit ergeben, lässt sich dann aber auch dieses Ziel erreichen. Nicht zuletzt aufgrund der diffizilen Bestimmungen, mit denen wir in Deutschland arbeiten, ist man in Madrid nicht selten von der Detailtiefe unserer Zeichnungen erfreut – genauso wie von der unfassbaren Handwerkskunst, für die Deutschland auch international bekannt ist.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

Schnell reagieren können

Interview mit Steven Herpichböhm, CTO der Gramß GmbH Kunststoffverarbeitung

Schnell reagieren können

Wie wird aus einem kleinen Familienbetrieb ein hochmoderner Kunststoffspezialist mit 150 Maschinen? Steven ­Herpichböhm, CTO der Gramß GmbH in Spechtsbrunn bei Sonneberg, kennt die Antwort. Im Interview spricht er über…

„Mein Rat an Camper? Hinterlasst höchstens eine Reifenspur!“

Interview mit Stefan Christner, Geschäftsführer der bimobil – von Liebe GmbH

„Mein Rat an Camper? Hinterlasst höchstens eine Reifenspur!“

Seit fast einem halben Jahrhundert steht bimobil für langlebige und hochwertige Reisemobile – in einem Markt, der in den letzten Jahren einen enormen Boom erlebt hat. Warum die ursprüngliche Idee…

„Die ESA sagte uns, was wir machen, sei unmöglich!“

Interview mit Tom Segert, Mitgründer und CEO der Berlin Space Technologies GmbH

„Die ESA sagte uns, was wir machen, sei unmöglich!“

Kaum ein Unternehmen dürfte derart komplex zu gründen und zu skalieren sein wie ein Satellitenhersteller: Tom Segert und seine Partner haben es dennoch getan – mit beachtlichen Erfolgen, die sich…

Spannendes aus der Region Berlin

„Wir sorgen für Bewegung im Berliner Immobilienmarkt“

Interview mit Maik Schmidl, Vorstandsvorsitzender der FORTIS Real Estate Investment AG

„Wir sorgen für Bewegung im Berliner Immobilienmarkt“

Attraktive Berliner Altbauwohnungen für Privatkunden sowie eine ungebrochene Neubautätigkeit bei der Schaffung von Wohnraum, wie er in der Hauptstadt tatsächlich gebraucht wird, prägen das Tätigkeitsspektrum des Berliner Immobilienunternehmens FORTIS Real…

„Wachstum und Kultur sind kein Widerspruch!“

Interview mit Dr. Sven Fürth, CEO der netgo group GmbH

„Wachstum und Kultur sind kein Widerspruch!“

Digitalisierung ist heute weit mehr als Technologie – sie entscheidet über Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit von Unternehmen. Die netgo group mit Sitz in Berlin ist darauf spezialisiert, Kunden auf diesem…

Verwaltung braucht Bewegung

Interview mit Ralph Naumann, Geschäftsführer der IMTB Consulting GmbH

Verwaltung braucht Bewegung

Fachkräftemangel, Digitalisierung und KI erhöhen den Veränderungsdruck auf die öffentliche Verwaltung. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an moderne, effiziente und verlässliche Strukturen. Doch Modernisierung bedeutet mehr, als bestehende Abläufe einfach digital…

Das könnte Sie auch interessieren

Architektur, die Vertrauen schafft

Interview mit Daniel Seppi, CEO der Dreika AG

Architektur, die Vertrauen schafft

Die Bankenwelt verändert sich rasant. Digitale Angebote gewinnen an Bedeutung, Filialnetze werden neu geordnet und die persönliche Beratung konzentriert sich zunehmend auf komplexe Anliegen. Für die Dreika AG ist dieser…

Verlässlich durch jede Wetterlage

Interview mit Dirk Tombült, Geschäftsführer der Fedder und Zünkler Service GmbH & Co. KG

Verlässlich durch jede Wetterlage

Ob Schnee, Eis, Hitze oder Starkregen: Außenflächen von Immobilien müssen ganzjährig sicher, gepflegt und nutzbar bleiben. Für bundesweit aufgestellte Unternehmen ist das eine komplexe Aufgabe. Fedder und Zünkler koordiniert Winterdienst,…

Architektur als Beitrag zur Stadt

Interview mit Fabian Ochs, Geschäftsführer der OS A Ochs Schmidhuber Architekten GmbH

Architektur als Beitrag zur Stadt

Kaum ein Architekturbüro prägt München so umfassend wie die OS A Ochs Schmidhuber Architekten GmbH. Mit Projekten in nahezu allen Teilen der Stadt, einem ausgeprägten Fokus auf individuelle Lösungen statt…

TOP