Formvollendet: Wie Kunststoff echte Lösungen schafft

Interview mit Philipp Hartung, Geschäftsführer der KVH Hartung GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Hartung, Wie hat sich KVH Hartung seit der Gründung 1972 entwickelt?

Philipp Hartung: Mein Vater gründete das Unternehmen 1972 gemeinsam mit Herrn Dr. Lörner. Schon früh lag der Fokus auf dem Thermoformen, ab den 1990er-Jahren besonders auf dem Negativ-Tiefziehen. Unser Spektrum reicht seither von Verkleidungsteilen über technische Bauteile bis hin zu Gehäusen für Medizintechnik, Werbung oder Fahrzeugbau. Ich selbst bin 2000 eingestiegen und habe das Unternehmen nach dem plötzlichen Tod meines Vaters im Jahr 2021 übernommen.

Wirtschaftsforum: Wie ist KVH Hartung heute strukturell und wirtschaftlich aufgestellt?

Philipp Hartung: Wir konzentrieren uns auf unseren Standort in Krailling und beschäftigen rund 30 Mitarbeiter. Der Jahresumsatz liegt bei etwa 7 Millionen EUR. Rund 60% unserer Bauteile gehen in die Medizintechnik, was uns eine gewisse Stabilität gibt – selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Unser Maschinenpark ist bewusst hybrid: Wir setzen sowohl auf moderne Technik als auch auf bewährte analoge Maschinen, die oft langlebiger und flexibler sind.

Wirtschaftsforum: Welche He-rausforderungen beschäftigen Sie derzeit besonders?

Philipp Hartung: Ganz klar: der Fachkräftemangel. Er zwingt uns in vielen Fällen zum Reagieren, statt proaktiv Impulse zu setzen. Trotzdem versuchen wir zukunftsfähig zu bleiben – etwa durch den Wechsel des Maschinenherstellers, um neue technologische Potenziale im Thermoformen auszuschöpfen. Auch politische Rahmenbedingungen sind ein Thema. Die Wirtschaft braucht Verlässlichkeit, Planungssicherheit – und ein starkes Signal von der Politik.

Wirtschaftsforum: Inwieweit hat sich Ihre Rolle als Geschäftsführer verändert?

Philipp Hartung: Als Geschäftsführer eines mittelständischen Betriebs trägt man viele Hüte – Strategie, Taktik, Personal, Technik. Es gibt keinen klaren Schnitt zwischen ‘Operativ’ und ‘Strategisch’. Ich plane langfristig, etwa was Maschinenanschaffungen oder Personalentwicklung betrifft – bin aber genauso involviert, wenn es um Tagesgeschäft, Kundenwünsche oder Reklamationen geht.

Wirtschaftsforum: Wie erleben Sie den Wandel durch Digitalisierung?

Philipp Hartung: Die Digitalisierung hat vieles vereinfacht – etwa in der Konstruktion. Gleichzeitig beobachten wir, dass das rein digitale Arbeiten mit CAD zu einer gewissen Entfremdung von der Realität führen kann. Unsere analogen Maschinen erlauben uns oft mehr Einfluss auf das Endprodukt. Dieses Zusammenspiel zwischen digital und analog, zwischen Theorie und Praxis, ist für uns ein echter Erfolgsfaktor.

Wirtschaftsforum: In welchen Bereichen sehen Sie Ihre Kernkompetenzen?

Philipp Hartung: Ganz klar im Gehäusebau für die Medizintechnik. Wir kombinieren Thermoformen mit fünfachsigem CNC-Fräsen, strukturellen Hinterschnitten und hochwertiger Oberflächengestaltung. Unsere Bauteile sind nicht nur funktional, sondern auch haptisch und optisch anspruchsvoll. Dazu kommen Veredelungstechniken wie Bedruckung, elektromagnetische Abschirmung oder die Integration von Befestigungsdomen – je nach Kundenwunsch.

Wirtschaftsforum: Wie international ist Ihre Kundenstruktur?

Philipp Hartung: Wir setzen bewusst auf Nähe. Die meisten unserer Kunden kommen aus dem süddeutschen Raum – weil persönliche Kommunikation in der Entwicklungsphase unerlässlich ist. Dennoch liefern wir weltweit – bis nach Australien, wenn es das Projekt erfordert. Die Regionalität ist für uns auch ein indirekter Beitrag zur Nachhaltigkeit: kurze Wege, direkte Abstimmung, weniger Reibungsverluste.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei Ihnen im Unternehmen?

Philipp Hartung: Nachhaltigkeit ist kein plakatives Label für uns, sondern Teil des Alltags. Unsere Maschinen – gerade die analogen – laufen oft jahrzehntelang zuverlässig. Das schont Ressourcen und macht uns unabhängig. Auch unsere Produktion ist darauf ausgelegt, langlebige Bauteile herzustellen, die möglichst wartungsarm sind. Durch unsere regionale Ausrichtung vermeiden wir unnötige Transportwege – das ist ökologisch und wirtschaftlich sinnvoll.

Wirtschaftsforum: Nutzen Sie bereits Technologien wie künstliche Intelligenz?

Philipp Hartung: Aktuell nicht. Für unsere Anwendungen ist KI derzeit kein Thema. Wir beobachten die Entwicklungen aber genau – und prüfen, ob und wenn ja wo sie uns zukünftig helfen kann. Für uns ist entscheidend, dass Technik immer dem Produkt und dem Kunden dient – und kein Selbstzweck ist.

Wirtschaftsforum: Welche Visionen haben Sie für die kommenden Jahre?

Philipp Hartung: KVH ist nicht auf Wachstum um jeden Preis ausgerichtet. Unser Ziel ist Stabilität – personell, strukturell, technologisch. Wir möchten das Unternehmen auf eine tragfähige Basis stellen und uns vor allem im Bereich Konstruktion stärker aufstellen. So können wir unseren Kunden noch mehr Expertise und Lösungen aus einer Hand bieten. Für mich bedeutet Unternehmertum, Verantwortung zu übernehmen – für Mitarbeiter, Kunden und das Unternehmen als Ganzes. Wenn dabei nachhaltiger Erfolg entsteht, ist das der größte Lohn.

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