Der Hammer fällt heute digital – aber er fällt von Menschenhand

Interview mit Oskar Kampik, Berater im Bereich Digitalisierung bei der Historia Auktionshaus GmbH & Co. KG

Wirtschaftsforum: Herr Kampik, das klassische Auktionshaus verbindet man schnell mit schweren Teppichen, alten Möbeln und einem gewissen elitären Flair. Wie modern ist Ihr Geschäft heute wirklich?

Oskar Kampik: Das Vorurteil gibt es tatsächlich noch, und ehrlich gesagt trifft es Teile des Marktes auch. Viele Häuser arbeiten bis heute sehr traditionell. Wir merken jedoch, dass sich das Publikum wandelt: Immer mehr jüngere Bieter zeigen Interesse, und auch unser Sortiment wird im Bereich der zeitgenössischen Kunst und im Design-Spektrum immer stärker. Genau deshalb ist Digitalisierung für uns so wichtig geworden. Die Welt hat sich verändert, das Bieterverhalten auch. Heute sitzt ein Kunde in Berlin, einer in New York und ein anderer in Frankreich, und alle bieten gleichzeitig live auf dasselbe Objekt. Das muss technisch funktionieren.

Wirtschaftsforum: Sie selbst kommen ursprünglich gar nicht aus dem klassischen Kunsthandel.

Oskar Kampik: Nein, ich komme aus der Wirtschaftspsychologie und habe internationales Management studiert. Die Begeisterung für Kunst und Auktionswesen war aber immer da. Ich habe während des Studiums als Praktikant bei Historia angefangen und direkt an meinem ersten Tag eine teure Meißner Vase fallen lassen. Das war ein ziemlich harter Einstieg. Aber genau dort habe ich gemerkt, wie spannend diese Welt ist. Heute bewege ich mich zwischen Digitalisierung, Geschäftsentwicklung und dem eigentlichen Produkt, also Kunst, Sammlerstücken und historischen Objekten.

Wirtschaftsforum: Das Historia Auktionshaus hat sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt. Was waren die wichtigsten Meilensteine?

Oskar Kampik: Ich würde unsere Geschichte in drei Phasen einteilen. Zunächst die regionale Aufbauphase ab 1995. Dann kam mit dem Umzug nach Berlin die Wachstumsphase. In dieser Zeit haben wir über 20 andere Auktionshäuser übernommen. Der dritte große Schritt war die Digitalisierung und Internationalisierung ab 2017. Besonders prägend war dabei die Übernahme der Namensrechte des insolventen Online-Auktionshauses Auctionata. Das hat uns einen enormen Schub in Richtung digitale Infrastruktur gegeben. Corona war dann letztlich ein zusätzlicher Beschleuniger. Heute entstehen weniger als 5% unseres Umsatzes noch direkt im Saal.

Wirtschaftsforum: Trotzdem halten Sie am Live-Charakter fest.

Oskar Kampik: Unbedingt, und da muss ich auch ein Missverständnis ausräumen. Digitalisierung ist für uns zentral, aber „online-only“ funktioniert nicht. Das A und O ist die Dynamik, die durch den Auktionator hereinkommt. Reine Online-Auktionen laufen technisch sauber, erzeugen aber nicht dieselbe Atmosphäre. Eine Auktion lebt von Spannung, Tempo und Psychologie. Es braucht die Mischung: digitale Infrastruktur für die Reichweite, aber den Menschen am Pult für das Momentum. Digitalisierung hat hier ihre Grenzen, und das ist auch gut so. Das sieht man am besten an unserem Auktionator Michael Lehrberger, der über 40 Jahre Erfahrung mitbringt. Bei ihm menschelt es. Er macht auch mal einen Fehler, hat Charme, und genau das nimmt die Steifheit raus. Bei uns ist eine Auktion keine steife Veranstaltung. Wir haben Auktionen, die zwölf Stunden am Tag laufen, und die Kundinnen und Kunden bleiben dabei, weil es kurzweilig ist. Mittlerweile gibt es sogar einen Bremer Fanclub, der sich trifft, nur um ihm zuzuschauen. Und Lehrberger steht hier stellvertretend für etwas Größeres: Das Herzstück eines Auktionshauses ist nicht die Digitalisierung, sondern das Fach, das kunsthistorische Know-how. Wir haben uns über Jahrzehnte eine Expertise aufgebaut, und wir haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ein Objekt auf Anhieb erkennen und einordnen können. Mit so kompetenten Leuten zusammenzuarbeiten ist einfach toll. Die Technik unterstützt das, aber ersetzen kann sie es nicht. Genau dieses Erlebnis ersetzt keine App.

Wirtschaftsforum: Was unterscheidet Historia von anderen Häusern?

Oskar Kampik: Unser größter USP ist die Ganzheitlichkeit. Viele Auktionshäuser nehmen nur die hochpreisigen Stücke aus einer Sammlung heraus und lassen den Rest zurück. Wir dagegen kümmern uns um komplette Nachlässe, Sammlungen oder Haushaltsauflösungen: von der Bewertung über die Logistik bis zur Versteigerung. Gleichzeitig decken wir mit über zehn Fachsparten ein extrem breites Spektrum ab: Kunst, Möbel, Porzellan, Asiatika, Sammlerobjekte und vieles mehr. Mit 6.000 Losen alle zehn Wochen gehören wir mengenmäßig zu den größten Häusern Deutschlands.

Wirtschaftsforum: Wie international ist das Geschäft inzwischen?

Oskar Kampik: Sehr international. Wir arbeiten mit mehreren globalen Plattformen zusammen und verkaufen in über 60 Länder. Die USA und Asien sind wichtige Märkte. Spannend finde ich aktuell auch die Entwicklungen im arabischen Raum. Dort entsteht gerade enorme Kaufkraft im Kunstbereich.

Wirtschaftsforum: Digitalisierung ist Ihr persönliches Herzensthema. Wo sehen Sie aktuell die größten Potenziale?

Oskar Kampik: Viele Prozesse im deutschen Auktionsmarkt laufen noch erstaunlich analog. Da gibt es Excel-Listen, manuelle Abläufe und Medienbrüche. Wir investieren deshalb stark in unsere eigene Bieterplattform und in interne Systeme. Aber Digitalisierung heißt nicht nur KI-Spielereien. Viel wichtiger ist zunächst ein stabiler Unterbau: Inventarverwaltung, Versand, Abrechnung, Customer Journey. Erst danach kommen Themen wie Machine Learning oder Preisprognosen.

Wirtschaftsforum: Sie sprechen oft von Schwellenangst. Warum?

Oskar Kampik: Weil viele Menschen glauben, Kunstauktionen seien nur etwas für Millionäre oder Experten. Das stimmt überhaupt nicht. Bei uns beginnen Objekte teilweise bei 100 EUR. Der durchschnittliche Zuschlag liegt bei etwa 500 EUR. Mein persönliches Anliegen ist deshalb die Demokratisierung der Kunst. Menschen sollen sich trauen, in eine Auktion zu gehen, sich umzusehen, mitzubieten. Man muss nicht allwissend sein und schon gar nicht superreich. Und das gilt in beide Richtungen: Man kann bei uns nicht nur kaufen, sondern genauso einliefern und verkaufen, ob Einzelstück, Sammlung oder ganzer Nachlass. Wir finden dabei für jeden eine passgenaue Lösung.

Wirtschaftsforum: Was macht Ihnen persönlich an Auktionen bis heute am meisten Spaß?

Oskar Kampik: Dass Auktionen ehrlich sind. Es ist einer der faszinierendsten Mechanismen zur Preisfindung überhaupt. Zwei Menschen wollen dasselbe Objekt und plötzlich entsteht ein Marktwert. Manchmal werden wir selbst überrascht. Wir hatten einmal eine russische Ikone, die wir mit 500 EUR angesetzt haben. Am Ende lag der Zuschlag bei 130.000 EUR. Genau diese Momente machen das Geschäft lebendig.

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