Präzision für den Ernstfall

Interview mit Hendrik Hasch, CEO der iSi Automotive Holding GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Hasch, stellen Sie sich bitte kurz vor: Was hat Sie zur iSi Automotive Group geführt?

Hendrik Hasch: Ich führe die iSi Automotive Group als CEO gemeinsam mit einer Kollegin, die den Finanzbereich verantwortet. Ich bin seit Ende 2020 dabei. Mein beruflicher Hintergrund liegt seit vielen Jahren in der passiven Sicherheit: Ich habe seit 2006 in der Branche bei einem Wettbewerber gearbeitet, in Funktionen wie Produktionsleiter, Werkleiter und später in übergeordneten Managementrollen – unter anderem bei Takata beziehungsweise dem Nachfolgeunternehmen. Eigentlich wollte ich 2020 einmal etwas völlig anderes machen. Dann kam iSi über eine Personalberatung auf mich zu – und das Gespräch mit der Eigentümerfamilie war für mich so interessant, dass ich dieses Angebot nicht ausschlagen wollte.

Wirtschaftsforum: Was zeichnet iSi Automotive innerhalb der iSi Group aus – und welche Meilensteine waren besonders prägend?

Hendrik Hasch: Die iSi Group hat Wurzeln in allem, was mit komprimiertem Gas zu tun hat. Diese Erfahrung war auch der Einstieg in den Automotivebereich: Seit 1995 sind wir in der Automobilindustrie aktiv, zunächst als Zulieferer für Zulieferer mit hoch komprimierten Gasspeichern. Daraus haben wir uns weiterentwickelt – bis hin zum Gasgenerator, einem Kernprodukt für Airbags. Ein entscheidender Schritt war 2009 die Übernahme eines Entwicklungsstandorts in Berlin, als sich durch die Delphi-Insolvenz eine Chance ergab. Damit sind wir in komplette Airbagsysteme gegangen und heute Tier-1-Lieferant. Unser Gesellschafter beschreibt das gern so: Wir sind damals in die ‘Champions League’ der Automobilindustrie aufgestiegen.

Wirtschaftsforum: Die Branche steht unter Druck. Welche He­rausforderungen treffen Sie aktuell besonders?

Hendrik Hasch: Der Umstieg zur Elektromobilität trifft uns weniger stark als viele andere Zulieferer – ein Airbag wird im Verbrenner genauso gebraucht wie im E-Auto. Was uns dagegen sehr beschäftigt hat, sind die Krisen der letzten Jahre: Pandemie, geopolitische Verwerfungen, Ukrainekrieg – das alles hat Lieferketten durcheinandergebracht. Seit ich dabei bin, waren wir gefühlt durchgehend im Krisenmodus. In so einer Phase konzentriert man sich auf das Wesentliche: lieferfähig bleiben, Liquidität sichern, eng mit Kunden und Lieferanten zusammenarbeiten, offen kommunizieren und sich gegenseitig unterstützen. Damit sind wir aus meiner Sicht vergleichsweise gut durch diese Zeit gekommen – auch wenn das Umfeld weiterhin unruhig ist.
 

Wirtschaftsforum: Wie sieht Ihr Fokus im Portfolio aus – und wo sehen Sie Ihre Stärken?

Hendrik Hasch: Wir sind sehr erfolgreich im Kopfschutz und waren früh dabei, die Kaltgastechnologie dafür einzusetzen. Als ‘USP’ im engeren Sinne würde ich das heute nicht mehr bezeichnen, aber es zeigt, woher wir kommen: technologisch weit vorne zu sein und gemeinsam mit Kunden neue Anwendungen zu entwickeln – oft auch Speziallösungen, die man eher in höherklassigen Fahrzeugen findet. Ein Beispiel ist ein neues Airbag-Portfolio, das wir gemeinsam mit Mercedes für die S-Klasse entwickelt haben. Solche Innovationen stehen nicht immer für die größten Stückzahlen, aber sie prägen unsere Kompetenz, besonders im Seitenbereich und Kopfschutz.

Wirtschaftsforum: Wie international ist die iSi Automotive Group aufgestellt?

Hendrik Hasch: Wir sind global aktiv und in allen wichtigen Märkten vertreten. Strukturell konzentrieren wir uns auf Europa, China/Asien-Pazifik sowie den amerikanischen Kontinent – mit entsprechender Produktion in den Regionen. Entwickelt wird vor allem in Europa und in China.

Wirtschaftsforum: Wie groß ist die Gruppe – und welche Rolle spielt der Standort Österreich?

Hendrik Hasch: Weltweit sprechen wir von rund 4.000 Mitarbeitenden. In Österreich – in Wien – haben wir einen Hauptstandort, an dem wir Gasgeneratoren herstellen, dort sind es knapp 400 Beschäftigte. Die Fertigung ist komplex und stark automatisiert und natürlich ist es nicht selbstverständlich, so etwas in Zentral­europa zu betreiben. Aber es ist auch Tradition: Solche Strukturen gibt man nicht leichtfertig auf.

Wirtschaftsforum: Wohin entwickelt sich passive Sicherheit – was verändert automatisiertes Fahren?

Hendrik Hasch: Automatisiertes und autonomes Fahren wird die passive Sicherheit verändern. Wenn Fahrzeuge anders genutzt werden – etwa wenn Sitze gedreht werden oder Menschen sich anders positionieren –, muss sich auch das Rückhaltesystem anpassen. Dazu kommt verbesserte Sensorik: Wenn Gefahrensituationen früher erkannt werden, steht mehr Zeit zur Verfügung, um Schutzsysteme in Position zu bringen. Das sind Vorentwicklungsprojekte in enger Abstimmung mit Kunden. Parallel halten wir unsere bestehenden Produkte wettbewerbsfähig – mit kleineren Innovationen, um auch in den nächsten Jahren als starker Lieferant wahrgenommen zu werden.

Wirtschaftsforum: Welche Werte prägen die Unternehmenskultur?

Hendrik Hasch: Als iSi Group arbeiten wir intensiv an unseren Werten. Auf Ebene der Vision sind das Independence, Sustainability und Integrity – Unabhängigkeit ist als Familienunternehmen zentral. Dazu kommen Leitlinien für Führung: Inspiring, Supporting, Integrating. Und für iSi Automotive haben wir einen klaren Slogan: „We are Safety.“

Wirtschaftsforum: Und ganz persönlich: Was treibt Sie an?

Hendrik Hasch: Vor allem die Möglichkeit, ein Unternehmen zu führen – und jeden Tag mit Menschen zu arbeiten. Mich treibt auch an, erfolgreich im Markt zu sein, die Krisen wirklich hinter uns zu lassen und iSi Automotive so aufzustellen, dass wir langfristig robust und resilient bleiben.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

Der Airbag für Lithium-Ionen-Batterien

Interview mit Philipp Helmle, Geschäftsführer der LogBATT GmbH

Der Airbag für Lithium-Ionen-Batterien

Die Sicherheitsanforderungen an den Transport von Batterien für die Elektromobilität und ähnliche Anwendungsfelder sind immens: Seit 2017 entwickelt LogBATT aus dem Neckartal hierfür zielgerichtete Produkte für den gesamten Batterie­lebenszyklus von…

Software für den Praxisalltag

Interview mit Fabian Gundlach, Geschäftsführer der ergosoft GmbH

Software für den Praxisalltag

Aus einer Abrechnungssoftware für Psychotherapeuten ist bei ergosoft über drei Jahrzehnte eine umfassende Lösung für den Praxisalltag entstanden. Geschäftsführer Fabian Gundlach setzt auf Spezialisierung, engen Kundenkontakt und neue Technologien wie…

„Die ESA sagte uns, was wir machen, sei unmöglich!“

Interview mit Tom Segert, Mitgründer und CEO der Berlin Space Technologies GmbH

„Die ESA sagte uns, was wir machen, sei unmöglich!“

Kaum ein Unternehmen dürfte derart komplex zu gründen und zu skalieren sein wie ein Satellitenhersteller: Tom Segert und seine Partner haben es dennoch getan – mit beachtlichen Erfolgen, die sich…

Spannendes aus der Region Wien

IT, die Zukunft schafft

Interview mit Patrick von Unold, CTO der next system Vertriebsges.m.b.H.

IT, die Zukunft schafft

Die Technologie macht Quantensprünge und es ist für Unternehmen eine Herausforderung, hier mitzuhalten. Bei der next system Vertriebsges.m.b.H. aus Wien ist der Firmenname Programm. Das Unternehmen, ein führender österreichischer Anbieter…

Gemeinsam für das große Ganze

Interview mit Christian Doser, CEO der SAG Austria Handels GmbH

Gemeinsam für das große Ganze

Ein verkehrstechnisch ideal gelegenes Grundstück von 100.000 m², 15.000 m² auf 55.0000 m² erweiterbare Lagerfläche, 1.500 m² Bürofläche, großzügige Sozialräume, 25 Tore zum Be- und Entladen und ein hochmodernes Transportsystem…

Die Zukunft der Wasser-straße nachhaltig gestalten

Interview mit DI Hans-Peter Hasenbichler, Geschäftsführer der viadonau - Österreichische Wasserstraßen-Gesellschaft mbH

Die Zukunft der Wasser-straße nachhaltig gestalten

Die Donau ist eine der bedeutendsten Wasserstraßen Europas und spielt eine zentrale Rolle für den internationalen Warenverkehr sowie den Tourismus. Sie verbindet zehn Länder und dient als umweltfreundlicher Transportweg, der…

Das könnte Sie auch interessieren

BMW im Herzen, Weitblick im Gepäck

Interview mit Julian Schnapp, Prokurist der Autohaus Sperber GmbH & Co. KG

BMW im Herzen, Weitblick im Gepäck

Steigende Kosten, neue Marken, unsichere Politik – der Autohandel ist kein einfaches Pflaster. Autohaus Sperber aus Bamberg trotzt dem Gegenwind: Mit durchschnittlich 10 bis 12% Wachstum pro Jahr…

Alles aus einer Hand

Interview mit Peter Joachim, Leiter Luxusmarken der Feser, Graf & Co. Automobil Holding GmbH

Alles aus einer Hand

Der Automobilhandel verändert sich rasant. Digitalisierung, neue Antriebskonzepte und ein verändertes Kaufverhalten stellen Händler vor neue Herausforderungen. Die Feser, Graf & Co. Automobil Holding GmbH mit Sitz in Nürnberg begegnet…

Von der Hageldelle zum Global Player

Interview mit Michael Grebe, Mitglied der Geschäftsleitung der Car Solutions International GmbH

Von der Hageldelle zum Global Player

Ob Hagelsturm in Kassel oder Tokyo – extreme Wetterereignisse beschädigen immer mehr Fahrzeuge in immer mehr Regionen. Für Versicherer und Fahrzeughersteller wird die schnelle und koordinierte Abwicklung solcher Großschadenereignisse zunehmend…

TOP