Wie ländlicher Nahverkehr wieder Fahrgäste gewinnt

Interview mit Stefan Meißner, Geschäftsführer der PRG Personen- und Reiseverkehrs GmbH Greiz

Wirtschaftsforum: Herr Meißner, Sie sind seit vielen Jahren im Verkehrssektor tätig. Was treibt Sie dabei persönlich an?

Stefan Meißner: Mobilität ist für mich mehr als Technik oder Fahrpläne. Sie bedeutet gesellschaftliche Teilhabe. Unser Kernauftrag ist es, Menschen zuverlässig von A nach B zu bringen – unabhängig davon, ob sie in der Stadt oder im ländlichen Raum leben. Dafür gehe ich jeden Tag gern zur Arbeit.

Wirtschaftsforum: Die Branche diskutiert intensiv über die Antriebswende. 

Stefan Meißner: Sie ist wichtig, aber sie ist nicht der Kern. Für den Fahrgast ist entscheidend, dass ein Bus fährt – nicht, womit. Gerade im ländlichen Raum geht es zunächst um Angebotssicherung. Die Antriebswende ist ein kostenintensiver Baustein, der stark politisch getrieben ist und derzeit keinen eigenständigen Business Case bietet.

Wirtschaftsforum: Wie ist Ihre Region strukturiert – und was bedeutet das für den ÖPNV?

Stefan Meißner: Wir bedienen Ostthüringen, also den Landkreis Greiz und Teile der Stadt Gera. Das sind Räume mit geringer Bevölkerungsdichte und dispersen Siedlungsstrukturen. Umso wichtiger ist es, Angebotskonzepte zu entwickeln, die den Alltag der Menschen tatsächlich abbilden.

Wirtschaftsforum: Sie konnten die Fahrgastzahlen dennoch deutlich steigern. Wie ist das gelungen?

Stefan Meißner: 2018 haben wir das Angebot grundlegend neu strukturiert. Zwischen den zentralen Orten haben wir ein vertaktetes Stundennetz aufgebaut – von früh bis abends, auch am Wochenende. Gleichzeitig haben wir den reinen Schülerverkehr in dieses Grundnetz integriert. Heute haben wir doppelt so viele Fahrgäste wie vor acht Jahren – trotz demografischer Herausforderungen.

Wirtschaftsforum: Welche Effekte hatte das intern, insbesondere für die Mitarbeiter?

Stefan Meißner: Ein ganz wesentlicher Punkt war die Reduzierung geteilter Dienste. Früher bestand etwa die Hälfte der Dienste daraus – heute nur noch ein Bruchteil. Zusammenhängende Arbeitszeiten erhöhen die Attraktivität des Berufs erheblich. Unsere Bewerberlage ist derzeit sehr gut.

Wirtschaftsforum: Nicht jede Gemeinde lässt sich im Stundentakt bedienen. Wie schließen Sie diese Lücken?

Stefan Meißner: Dafür haben wir früh flexible Rufbus‑Systeme eingeführt. Sie fahren nur bei Bedarf und binden kleinere Ortschaften an zentrale Knotenpunkte an. Das ist kein Gewinnmodell, sondern ein bewusstes Bekenntnis zur Daseinsvorsorge und zu gleichwertigen Lebensverhältnissen.

Wirtschaftsforum: Viele Verkehrsunternehmen beobachten autonomes Fahren noch aus der Distanz. Warum beschäftigen Sie sich bereits heute intensiv damit?

Stefan Meißner: Weil wir es uns perspektivisch nicht leisten können, es nicht zu tun. Der demografische Wandel wird auch den öffentlichen Nahverkehr treffen. Autonomes Fahren ist kein Selbstzweck, sondern eine Antwort auf Personalengpässe und steigende Kosten. Entscheidend ist aber, dass wir aus der Phase der Pilotprojekte herauskommen. Wir wissen längst, dass die Technik funktioniert. Jetzt geht es darum, sie in reale ÖPNV‑Strukturen zu integrieren – in Leitstellen, Werkstätten und Sicherheitskonzepte. Wenn der öffentliche Nahverkehr diese Entwicklung nicht aktiv gestaltet, werden es Plattform­anbieter tun. Und dann verlieren wir als Branche den direkten Zugang zum Kunden.

Wirtschaftsforum: Diese Angebote setzen stark auf Digitalisierung. Was war Ihnen dabei wichtig?

Stefan Meißner: Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein. Sie muss Prozesse effizienter machen oder dem Kunden einen echten Mehrwert bieten. Unsere Rufbus‑App ist bewusst einfach gehalten. Mobilität ist ein Mittel zum Zweck – sie muss schnell, verständlich und zuverlässig verfügbar sein.

Wirtschaftsforum: Sie gehen noch weiter und setzen auf KI im Kundenservice. Warum?

Stefan Meißner: Wir entwickeln derzeit Voice‑ und Chatbots, die Fahrplanauskünfte, Tariffragen oder Rufbus‑Bestellungen rund um die Uhr ermöglichen. So schaffen wir 24/7‑Service, ohne personell aufzurüsten. Das senkt Kosten und erhöht zugleich die Servicequalität.

Wirtschaftsforum: Wie beurteilen Sie das Deutschland‑Ticket aus Unternehmenssicht?

Stefan Meißner: Für den Kunden ist es ein hervorragendes Produkt. Für die Unternehmen ist es ambivalent. Es erzeugt Nachfrage, ohne zusätzliche Erlöse zu bringen, und nimmt uns Instrumente zur Nachfragesteuerung. Das kann langfristig die Angebotsqualität gefährden.

Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie die größten Zukunftsthemen im ÖPNV?

Stefan Meißner: Digitalisierung, autonomes Fahren und die Frage der Finanzierbarkeit. Autonome Systeme werden kommen – nicht als Pilotprojekte, sondern inte­griert in reale Betriebskonzepte.

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