China im Blick

Wirtschaftsforum und Chinaexperte: Jürgen Kracht

Chinesische Start-ups fliegen frei, aber nur im Käfig

Wirtschaftsforum: Herr Kracht, der künftige, wirtschaftliche Erfolg eines Landes ist maßgeblich in seinen Start-ups begründet. Jetzt hat China mit Alibaba & Co. wahre Schwergewichte aus der eigenen Gründerszene hervorgebracht. Warum sind Ihrer Meinung nach chinesisches Start-ups, auch im internationalen Vergleich, so erfolgreich?

Jürgen Kracht: Die rasante Entwicklung der Internetfirmen wurde entscheidend durch die Vergoldeter-Käfig-Philosophie geprägt. Diese lautet: „Fliege frei, aber nur im Käfig“. Sie ist eine Neuauflage des Wirtschaftskonzepts der 1980er-Jahre, nämlich Freiraum für Veränderungen und Entwicklungen zu gewähren, aber mit Eingrenzungen. Solange die Start-up-Unternehmen die Eingrenzungen, nämlich die Vorgaben und Erwartungen der KP China beachteten, wurden sie in Ruhe gelassen. In diesen Freiräumen entfalteten die Newcomer sich zügig und die Erfolge förderten den Konsum, auch in entlegenen Gegenden. Nicht zu vergessen ist außerdem, dass sie den Wohlstand zu mehren halfen. Beides passte genau zum Regierungskonzept. Damit die Newcomer sich besser entwickeln konnten, wurde der Zugang zum Käfig, also dem Markt, für ausländische Firmen beschränkt oder ihnen sogar verwehrt. Prominente Beispiele sind Amazon und Google.

Jürgen Kracht, Unternehmer und Chinaexperte
„Damit die Newcomer sich besser entwickeln konnten, wurde der Zugang zum Käfig, also dem Markt, für ausländische Firmen beschränkt oder sogar verwehrt.“ Jürgen KrachtUnternehmer und Chinaexperte

Die kreative Entfaltung wurde auch durch einen gesetzesfreien Raum ermöglicht; Regierungsverordnungen erfolgten erst später. Wie so oft in China herrscht hier Pragmatismus pur. Das rasante Wachstum wurde durch das für Chinesen typische Unternehmertum ermöglicht bestehend aus der Kombination Wagnis und Kreativität. Aber die Erfolge waren auch das Resultat aggressiven Kopierens, frei nach dem Motto „Anfangs kopierten wir und dabei haben wir viel gelernt. Heute sind wir die Treiber bei der Weiterentwicklung“.

Parallel zu Social Media wächst E-Commerce (Handel, Bezahldienste, medizinische Dienstleitungen, Versicherungen und andere.) rasant. Exemplarisch ist hierfür der 2013 gegründete Online-Sachversicherer ZhongAn. Letzterer verkaufte innerhalb von drei Jahren 5,8 Milliarden (!) Policen an 460 Millionen Kunden, ein fast unvorstellbarer Verkaufsrekord für eine traditionelle Versicherungsgruppe.

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