Das neue Motto lautet: Von China lernen

Wirtschaftsforum und Chinaexperte: Jürgen Kracht

Wirtschaftsforum: Herr Kracht, Experten sind sich darin einig, dass die Digitalisierung die größte Herausforderung für Wirtschaftsnationen darstellt. Nun fühlen sich in Deutschland viele Unternehmen immer noch digital „abgehängt“. Inwiefern sind in China die Unternehmen bei diesem Prozess mittendrin statt nur dabei?

Jürgen Kracht: Diese Frage hat zunächst direkt mit unserem Privatleben zu tun. Wir müssen nämlich festhalten, dass die digitale Welt für Chinesen ein absoluter Bestandteil ihres täglichen Lebens ist. Die Zahlen von WeChat, Alibaba und anderen belegen dies eindeutig. In Deutschland sind wir davon noch weit entfernt.

Die Rasanz, mit der sich die Internetnutzung beispielsweise beim Chatten oder Einkaufen etabliert hat, ist erstaunlich. Umgekehrt versteht mancher Mitarbeiter deutscher Firmen in China nicht, warum sein Unternehmen zögert, das Internet in größerem Umfang zu nutzen. Diese Zögerlichkeit liegt aber nicht unbedingt an der Tochterfirma in China, sondern an der Geschäftsleitung und IT-Abteilung daheim.

Deutsche Markenartikler sind da schon weiter: Sie nutzen aktiv die E-Commerce-Infrastruktur, um ihre Waren an den Mann zu bringen. Aldi und andere betreiben in China keinen stationären Handel, sondern vertreiben über das Internet.

Jürgen Kracht, Unternehmer und Chinaexperte
„Von China lernen lautet also das neue Motto – sowohl was B2C als auch B2B betrifft.“ Jürgen KrachtUnternehmer und Chinaexperte

 

Die Digitalisierung ist in China in der Wirtschaftspolitik fest verankert und Firmen werden auch finanziell unterstützt – Staatswirtschaft eben. Es gibt enorme Nutzerzahlen; der Datenschutz ist hingegen mangelhaft. Das stört in Europa alle, in China aber niemanden. So wie schon in den 1980er-Jahren das omnipräsente Nachbarschaftskomitee das Treiben der Anwohner beobachtete und darüber berichtete, hat heute das Internet die Überwachungsrolle übernommen.

Jürgen Kracht, Unternehmer und Chinaexperte
„,Daten sind das neue Öl' heißt es. Und bei Big Data ist China absolut führend.“ Jürgen KrachtUnternehmer und Chinaexperte
Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Aktuellste news

Eurozone und Staatsschulden: Warum Deutschland anders investieren könnte

Eurozone und Staatsschulden: Warum Deutschland anders investieren könnte

Frankreichs Schuldenprobleme werfen eine grundsätzliche Frage auf: Sollte Deutschland seine vergleichsweise hohe Kreditwürdigkeit ausschließlich zur Begrenzung der Staatsverschuldung nutzen? Ein ungewöhnlicher Vorschlag sieht vor, mit zusätzlichen Krediten produktive Vermögenswerte im…

Japans Zinswende: Warum steigende Zinsen die Weltbörsen belasten könnten

Japans Zinswende: Warum steigende Zinsen die Weltbörsen belasten könnten

Japan hebt seinen Leitzins auf den höchsten Stand seit 31 Jahren. Was zunächst wie eine nationale geldpolitische Entscheidung aussieht, könnte internationale Folgen haben. Denn über Jahrzehnte haben Investoren günstige Yen-Kredite…

Mentale Gesundheit für Executives: Die unsichtbare Krise erkennen

Mentale Gesundheit für Executives: Die unsichtbare Krise erkennen

Sie treffen Entscheidungen, die das Leben vieler Menschen berühren. Sie tragen Druck, den andere kaum sehen. Über das, was dieser Druck mit ihnen macht, sprechen sie selten. Bei Führungskräften zeigt…

Aktuellste Interviews

Software für den Praxisalltag

Interview mit Fabian Gundlach, Geschäftsführer der ergosoft GmbH

Software für den Praxisalltag

Aus einer Abrechnungssoftware für Psychotherapeuten ist bei ergosoft über drei Jahrzehnte eine umfassende Lösung für den Praxisalltag entstanden. Geschäftsführer Fabian Gundlach setzt auf Spezialisierung, engen Kundenkontakt und neue Technologien wie…

Schnell reagieren können

Interview mit Steven Herpichböhm, CTO der Gramß GmbH Kunststoffverarbeitung

Schnell reagieren können

Wie wird aus einem kleinen Familienbetrieb ein hochmoderner Kunststoffspezialist mit 150 Maschinen? Steven ­Herpichböhm, CTO der Gramß GmbH in Spechtsbrunn bei Sonneberg, kennt die Antwort. Im Interview spricht er über…

„Die ESA sagte uns, was wir machen, sei unmöglich!“

Interview mit Tom Segert, Mitgründer und CEO der Berlin Space Technologies GmbH

„Die ESA sagte uns, was wir machen, sei unmöglich!“

Kaum ein Unternehmen dürfte derart komplex zu gründen und zu skalieren sein wie ein Satellitenhersteller: Tom Segert und seine Partner haben es dennoch getan – mit beachtlichen Erfolgen, die sich…

TOP