WindEnergy Hamburg 2026: Rekord beim Offshore-Wind, doch der Branche fehlen neue Projekte

Warum die aktuellen Rekordzahlen nur die halbe Wahrheit erzählen

Die Zahlen des ersten Halbjahres sehen beeindruckend aus. Doch sie beschreiben vor allem die Vergangenheit. Fast alle Anlagen, die 2026 ans Netz gehen, stammen aus Projekten, die bereits vor Jahren genehmigt, finanziert und gebaut wurden. Dazu gehören unter anderem Borkum Riffgrund 3, He Dreiht und das Nordseecluster A. Diese Projekte zeigen, dass Offshore-Windenergie weiterhin zuverlässig gebaut werden kann. Sie beantworten allerdings nicht die entscheidende Frage: Welche Projekte folgen danach? Genau hier beginnt das eigentliche Problem. Offshore-Windparks entstehen nicht innerhalb weniger Monate. Zwischen Ausschreibung, Genehmigung, Finanzierung, Produktion und Inbetriebnahme liegen häufig sechs bis zehn Jahre. Bleiben heute neue Ausschreibungen aus, wirkt sich das erst in einigen Jahren auf den Ausbau aus, dann allerdings umso deutlicher. Für Unternehmen entlang der Lieferkette bedeutet das Unsicherheit. Hersteller investieren nur dann in neue Produktionskapazitäten, wenn sie davon ausgehen können, dass auch künftig ausreichend Projekte entstehen. Zulieferer brauchen Planungssicherheit, Werften kalkulieren langfristig, Projektentwickler müssen Milliardeninvestitionen über viele Jahre absichern. Deshalb reicht ein Blick auf die installierte Leistung allein nicht aus. Entscheidend ist die Pipeline der kommenden Projekte.

Warum Deutschland 2026 keine neuen Offshore-Auktionen durchführt

Die eigentliche Nachricht des Jahres lautet nicht, dass Offshore-Wind wächst. Die eigentliche Nachricht lautet, dass Deutschland 2026 keine neuen Offshore-Flächen vergibt. Auslöser war die Ausschreibung der Flächen N-10.1 und N-10.2 im August 2025. Erstmals blieb eine Offshore-Auktion vollständig ohne Gebot. Für Politik und Branche war das ein Warnsignal. Noch wenige Jahre zuvor hatten sich Unternehmen in milliardenschweren Bieterverfahren gegenseitig überboten. Nun wollte plötzlich niemand mehr investieren. Die Bundesregierung reagierte Anfang 2026 und setzte die geplanten Ausschreibungen aus. Die betroffenen Flächen mit einer ursprünglich vorgesehenen Leistung von rund 2,5 Gigawatt sollen erst 2027 erneut vergeben werden. Damit verschiebt sich jedoch nicht nur ein Termin. Für Hersteller von Fundamenten, Turbinen, Kabeln oder Umspannplattformen verschiebt sich unter Umständen auch der Zeitpunkt neuer Aufträge. Investitionen werden zurückgestellt, Produktionskapazitäten vorsichtiger geplant, Personalentscheidungen schwieriger. Die Folgen reichen deshalb weit über den Offshore-Sektor hinaus.

Das Problem liegt nicht am Wind, sondern am Ausschreibungsmodell

Dass die fehlenden Gebote keine sinkende Nachfrage nach Windenergie anzeigen, macht die Lage nicht einfacher. Europa benötigt in den kommenden Jahrzehnten deutlich mehr erneuerbare Energie als heute. Rechenzentren, Wärmepumpen, Elektromobilität und die Elektrifizierung der Industrie werden den Strombedarf weiter steigen lassen. Warum also investiert niemand? Aus Sicht vieler Unternehmen liegt das Problem im aktuellen Ausschreibungsmodell. Das bisherige System der negativen Gebote hat in Zeiten hoher Finanzierungskosten und steigender Materialpreise an Attraktivität verloren. Wer Milliarden in einen Offshore-Windpark investiert, braucht möglichst stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Genau deshalb fordern Branchenverbände wie BDEW, BWO und VDMA Power Systems seit Monaten eine Reform des Windenergie-auf-See-Gesetzes. Im Mittelpunkt stehen sogenannte Contracts for Difference (CfD). Betreiber erhalten dabei einen garantierten Referenzpreis für ihren Strom. Liegt der Marktpreis darunter, gleicht der Staat die Differenz aus. Liegt er darüber, fließen Teile der Erlöse zurück. Für Investoren bedeutet das vor allem eines: mehr Planungssicherheit. Ob und wann diese Reform kommt, dürfte zu den meistdiskutierten Themen der WindEnergy Hamburg gehören.

Warum Speicher 2026 fast wichtiger sind als neue Turbinen

Wer die Messe zuletzt 2024 besucht hat, wird in diesem Jahr eine deutliche Veränderung bemerken. Nicht mehr allein die Windkraftanlage steht im Mittelpunkt. Mit der neuen Energy Storage Area rücken Batteriespeicher, Leistungselektronik und intelligente Energiemanagementsysteme stärker in den Fokus. Das ist kein Zufall. Je höher der Anteil erneuerbarer Energien wird, desto wichtiger wird die Frage, wie sich Strom speichern, transportieren und flexibel nutzen lässt. Windenergie produziert nicht immer dann Strom, wenn Haushalte oder Industrie ihn benötigen. Genau deshalb werden Batteriespeicher, Wasserstofflösungen, intelligente Netze und digitale Steuerungssysteme zunehmend zum eigentlichen Schlüssel der Energiewende. Für viele mittelständische Unternehmen liegen hier inzwischen sogar größere Wachstumschancen als im klassischen Turbinenbau. Softwareunternehmen, Netztechnikhersteller, Batterieanbieter und Spezialisten für Leistungselektronik dürften deshalb zu den Gewinnern der diesjährigen Messe gehören.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Aktuellste news

Eurozone und Staatsschulden: Warum Deutschland anders investieren könnte

Eurozone und Staatsschulden: Warum Deutschland anders investieren könnte

Frankreichs Schuldenprobleme werfen eine grundsätzliche Frage auf: Sollte Deutschland seine vergleichsweise hohe Kreditwürdigkeit ausschließlich zur Begrenzung der Staatsverschuldung nutzen? Ein ungewöhnlicher Vorschlag sieht vor, mit zusätzlichen Krediten produktive Vermögenswerte im…

Japans Zinswende: Warum steigende Zinsen die Weltbörsen belasten könnten

Japans Zinswende: Warum steigende Zinsen die Weltbörsen belasten könnten

Japan hebt seinen Leitzins auf den höchsten Stand seit 31 Jahren. Was zunächst wie eine nationale geldpolitische Entscheidung aussieht, könnte internationale Folgen haben. Denn über Jahrzehnte haben Investoren günstige Yen-Kredite…

Mentale Gesundheit für Executives: Die unsichtbare Krise erkennen

Mentale Gesundheit für Executives: Die unsichtbare Krise erkennen

Sie treffen Entscheidungen, die das Leben vieler Menschen berühren. Sie tragen Druck, den andere kaum sehen. Über das, was dieser Druck mit ihnen macht, sprechen sie selten. Bei Führungskräften zeigt…

Aktuellste Interviews

Software für den Praxisalltag

Interview mit Fabian Gundlach, Geschäftsführer der ergosoft GmbH

Software für den Praxisalltag

Aus einer Abrechnungssoftware für Psychotherapeuten ist bei ergosoft über drei Jahrzehnte eine umfassende Lösung für den Praxisalltag entstanden. Geschäftsführer Fabian Gundlach setzt auf Spezialisierung, engen Kundenkontakt und neue Technologien wie…

Schnell reagieren können

Interview mit Steven Herpichböhm, CTO der Gramß GmbH Kunststoffverarbeitung

Schnell reagieren können

Wie wird aus einem kleinen Familienbetrieb ein hochmoderner Kunststoffspezialist mit 150 Maschinen? Steven ­Herpichböhm, CTO der Gramß GmbH in Spechtsbrunn bei Sonneberg, kennt die Antwort. Im Interview spricht er über…

„Die ESA sagte uns, was wir machen, sei unmöglich!“

Interview mit Tom Segert, Mitgründer und CEO der Berlin Space Technologies GmbH

„Die ESA sagte uns, was wir machen, sei unmöglich!“

Kaum ein Unternehmen dürfte derart komplex zu gründen und zu skalieren sein wie ein Satellitenhersteller: Tom Segert und seine Partner haben es dennoch getan – mit beachtlichen Erfolgen, die sich…

TOP