Textilrecycling zukunftsfähig machen

Interview mit Jan Stienemann, Technischer Leiter der ALTEX Textil-Recycling GmbH & Co. KG

Wirtschaftsforum: Herr Stie­nemann, ALTEX blickt auf eine bewegte Historie zurück. Wie hat sich das Unternehmen entwickelt?

Jan Stienemann: Unsere Wurzeln reichen weit zurück – begonnen hat alles mit einem klassischen Handel mit Fellen und Metallen. Daraus entstand eine Nadelvliesstoffproduktion, die mein Großvater gemeinsam mit meinem Onkel gründete. Mein Vater wiederum erkannte früh, dass textile Produktionsreste Potenzial bieten – und rief daraufhin die heutige ALTEX Textil-Recycling GmbH & Co. KG ins Leben. Seither dreht sich alles um textile Sekundärrohstoffe. Ein einschneidendes Ereignis war sicher der Brand im Jahr 2000, nach dem wir die Produktion innerhalb weniger Wochen wiederaufgebaut und kontinuierlich erweitert haben. Heute betreiben wir über ein Dutzend Anlagen und verarbeiten sowohl Pre- als auch Post-Consumer-Textilien.

Wirtschaftsforum: Wo liegen heute Ihre Schwerpunkte – auch im Hinblick auf die Märkte?

Jan Stienemann: Klassisch ist ALTEX im Automobilbereich stark vertreten – insbesondere bei nicht sichtbaren Bauteilen wie Dämmmatten oder anderen Elementen, die mit Vlies kaschiert werden. Doch der Einbruch in diesem Segment hat uns gezwungen, neue Wege zu gehen. Der Fokus liegt daher zunehmend auf Post-Consumer-Recycling, also der Aufbereitung von Altkleidern oder konfektionierten Textilien zu neuen, marktfähigen Produkten. Hier sehen wir Chancen im Bauwesen, etwa bei Akustiklösungen oder Dämmmaterialien, sowie in der Möbel- und Geotextilbranche. Unser Maschinenpark ermöglicht es, verschiedenste Materialflüsse zu verarbeiten – das ist einer unserer größten Wettbewerbsvorteile.

Wirtschaftsforum: Wie begegnet ALTEX der aktuellen Marktlage?

Jan Stienemann: Die Unsicherheit ist groß, besonders im Automobilbereich. Die Auftragslage ist volatil, die Produktionsmengen kleiner – das ist für uns als Großanlagenbetreiber eine Herausforderung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Qualität und Flexibilität. Wir investieren daher gezielt in moderne Reißanlagen, um neue Materialtypen besser verarbeiten zu können. Ziel ist es, standardisierte Recyclingprodukte zu entwickeln, die auch im Hochbau sowie im Akustik- oder Isolationsbereich eingesetzt werden können. Wir merken deutlich: Das Bewusstsein für textile Kreislaufwirtschaft wächst – nun gilt es, Kunden und Partner mit Lösungen zu überzeugen.

Wirtschaftsforum: Nachhaltigkeit steht bei Ihnen im Zentrum. Wie lebt ALTEX diesen Anspruch im Alltag?

Jan Stienemann: Unser gesamtes Geschäftsmodell basiert auf dem Gedanken der Kreislaufwirtschaft. Wir geben Textilien, die andernfalls verbrannt oder deponiert würden, ein zweites Leben. Dabei setzen wir auf mechanisches Recycling – ohne Wasser und mit möglichst grünem Strom, zum Teil aus eigenen Solaranlagen. Verglichen mit der Neuproduktion oder chemischen Recyclingverfahren haben unsere Prozesse einen sehr geringen CO2-Fußabdruck. Hinzu kommt, dass wir ein breites Netzwerk für Rohstoffbeschaffung haben – von Europa bis nach Übersee – und unsere Absatzmärkte europaweit bedienen. Die Herausforderung bleibt, Marktakteure zu ermutigen, optisch vielleicht weniger perfekte, aber dafür nachhaltigere Materialien einzusetzen.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt das Thema Fachkräfte in Ihrem Unternehmen?

Jan Stienemann: Der klassische Fachkräftemangel trifft auch uns – nicht in der Quantität, sondern in der Qualifikation. Wir finden Personal, aber oft fehlt es an technischem Verständnis oder der Bereitschaft, sich in Spezialprozesse einzuarbeiten. Unsere Maschinen sind individuell und anspruchsvoll. Deshalb setzen wir auf interne Schulungen, flache Hierarchien und praxisnahes Lernen. Auch mein eigener Weg zeigt das: Ich habe früh im Betrieb mitgearbeitet, mehrere Stationen durchlaufen – von Maschinenbau über Textilmanagement bis hin zur technischen Leitung – und weiß daher, wie wichtig praxisnahes Know-how ist.

Wirtschaftsforum: Welche Ziele verfolgt ALTEX in den kommenden Jahren?

Jan Stienemann: Unser Ziel ist klar: Wir wollen unsere Produktionsmengen wieder deutlich steigern – jedoch nicht mit der Brechstange, sondern durch einen bewusst diversifizierten Marktansatz. Die klassischen Absatzmärkte, allen voran der Automobilsektor, brechen spürbar weg. Gleichzeitig entstehen neue, vielversprechende Chancen – etwa in der Verwertung von Altkleidern oder im Bereich innovativer Dämm- und Bauprodukte. An genau solchen Schnittstellen zwischen Nachhaltigkeit und Funktionalität setzen wir an. Derzeit entwickeln wir standardisierte Recyclinglösungen, die sich industriell skalieren lassen und sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich überzeugen. Parallel dazu wollen wir unser Netzwerk weiter ausbauen – etwa durch gezielte Kooperationen mit Hochschulen, Designbüros oder Architekturbüros. Unser Ziel ist es, textile Recyclingmaterialien nicht nur technisch hochwertig, sondern auch optisch und funktional attraktiv zu machen. Wir wollen Impulsgeber sein für eine Branche im Wandel – mit Neugier, Innovationsgeist und einem klaren Bekenntnis zur Kreislaufwirtschaft als Zukunftsmodell.

ALTEX Textil-Recycling GmbH & Co. KG
Gronauer Straße 105
48599 Gronau
Deutschland
Tel.: +49 2565 93450
info@altex.de
www.altex-textil.com​​​​​​​​​​​​​​

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